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Sören Götz Posts

Ronaldo-Statue auf Madeira: Gute Miene zur schlechten Miene

Statuen errichtet man den Verehrten üblicherweise posthum – es sei denn, man ist Diktator. Warum eigentlich? Weil es seltsam für die Helden wäre, ihrem eigenen metallischen oder steinernen Ebenbild zu begegnen? Das wäre den Berühmtheiten wohl noch zuzumuten. Nein, der Grund ist folgender: Wer tot ist, kann sich nicht beschweren. Dass die Nase zu großgeraten sei; dass man fett aussehe; dass die Bronze den eigentlichen Teint nur unzutreffend wiedergebe. Eine unvorteilhafte Statue ist sogar noch ärgerlicher als ein Foto von unten, dass das Doppelkinn wahlweise erst erschafft oder noch gigantischer wirken lässt, als es ohnehin schon ist. Denn die Statue ist nicht nur einen Tag auf Facebook unterwegs, sondern steht trotzig an prominenter Stelle, bis sich der Verfall oder eine Bombe erbarmt. Die Denkmäler wahrer Helden reißt man nicht ab: Diese zweifelhafte Ehre wird nur den bereits erwähnten Diktatoren zuteil.

Warum es eine schlechte Idee ist, Deutschtürken nicht am Referendum teilnehmen zu lassen

Welche Entscheidung ein Bürger in einer Wahlkabine trifft, geht ausschließlich ihn selbst etwas an. Nur weil der Mehrheit eines Landes missfällt, was manche wählen, darf der Staat nicht die Wahlfreiheit beschränken. In einem Kommentar hat ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung am 15. März vorgeschlagen, dass Deutsche mit einem Doppelpass nur in dem Land wählen dürfen sollten, in dem sie ihren Lebensmittelpunkt haben. Dem Autor geht es dabei aber nicht um alle 4,3 Millionen Deutsche, die einen zweiten Pass besitzen. Es geht ihm ausschließlich um das Türkei-Referendum und darum, sich „Erdoğans Wahlkampfoffensive zu erwehren“.

Türkischer Wahlkampf in Deutschland: Zensur nicht mit Zensur bekämpfen

Vielen Deutschen missfällt es, dass derzeit türkische Politiker in Deutschland Wahlkampf machen wollen. Warum dürfen sie hier für eine Verfassungsreform werben, die die Türkei einer Diktatur einen großen Schritt näherbringt, fragen sie. Die Antwort liegt auf der Hand: Weil wir in einem Rechtsstaat mit Meinungsfreiheit leben, in dem jeder für seine Ansichten werben darf, solange sie unserem Grundgesetz nicht widersprechen. Das gilt für ausländische Gäste genauso wie für deutsche Staatsbürger. Ein Rechtsstaat darf Veranstaltungen nicht verbieten, weil sie der Mehrheit der Bevölkerung inhaltlich nicht passen. Dasselbe gilt schließlich auch für extreme deutsche Parteien.

Die kleine Schwester der Liebe. Ein Essay über Freundschaft

Im Alter von 15 Jahren dachte ich, ich hätte mich in einen Jungen verliebt. Ich spürte etwas, das mehr war als Sympathie. Eine tiefe seelische Verbundenheit und das Gefühl, so angenommen zu werden, wie ich bin. Kurz fragte ich mich, ob ich meine sexuelle Orientierung vielleicht doch noch einmal überdenken sollte. Doch bald wurde mir klar, dass ich keinerlei Bedürfnis verspürte, mich ihm auch körperlich zu nähern (was sich bei Mädchen in diesem Alter schon anders verhielt). Zunächst war ich irritiert: Ist das jetzt platonische Liebe? Ich erinnere mich heute noch gut daran, wie ich mir dem Fahrrad durch Mainz fuhr, am Fastnachtsbrunnen vorbei – da hatte ich einen Moment der Klarheit. Was ich spürte, war keine Liebe. Sondern Freundschaft. Tiefe, innige Freundschaft.

Wie eine Steuer die Welt vor der Überhitzung retten könnte

Vergangene Woche machte das Umweltbundesamt Schlagzeilen. Seine Chefin forderte höhere Steuer auf Fleisch- und Milchprodukte, weil diese in der Produktion besonders viel CO2 verursachen. Die Hoffnung dahinter: Wenn diese Lebensmittel teurer werden, werden sie weniger nachgefragt, in der Folge weniger produziert und der CO2-Ausstoß geht zurück. Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten: Die Behörden wollen uns vorschreiben, was auf den Tisch kommt! Arme Haushalte werden sich kein Fleisch und keine Milchprodukte mehr leisten können, dabei sind die doch wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung! Sofort wurde auch dem Ernährungsminister und der Umweltministerin klar, dass diese Idee Wähler vergraulen würden und sie gaben bekannt, dass sie von diesem Vorschlag nichts halten. Ich finde dagegen, die Idee ist genau die richtige und geht sogar nicht weit genug.

Meine Familie auf der Flucht. 70 Jahre her und doch aktuell wie nie

Gastbeitrag meines Onkels Gerhard Götz

Schulter an Schulter stehe ich im Frühsommer 1963 mit meinem Bruder vor unserem Geburtshaus. Ein Jahr war ich alt, als unsere Familie diesen Ort verlassen musste. Meinem Vater ist diese Reise in die Heimat aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich. Aber da wir nun unser erstes Auto besitzen, haben wir uns auf seinen Wunsch hin auf die Reise in die Vergangenheit unserer Familie begeben. Mit wenigen eigenen Erinnerungen, jedoch mit vielen Erzählungen unserer Eltern und Großmütter im Gepäck, stehen wir hier 850 Meter über dem Meeresspiegel im Erzgebirge, das bei unserer Geburt noch zu Deutschland gehörte. Jetzt ist es Teil von Tschechien. Ein kleiner Bach fließt ruhig plätschernd durch das von Wiesen und Wäldern umsäumte Dorf und nimmt meine Gedanken mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Lässt das Schicksal meiner Familie vor meinen Augen lebendig werden.

Tinder, Erdoğan und ein Boot: Mein Weg an die DJS

Die Einladung zum Auswahlverfahren der Deutschen Journalistenschule erreichte mich an einem Montag im März auf der Toilette der Uni-Bibliothek. Eigentlich hatte ich mich schon nicht mehr getraut, mir eine Chance auszurechnen, nachdem ich zuvor bei Bewerbungen für zwei Volontariate und eine andere Journalistenschule nicht zum Gespräch eingeladen wurde. Doch hier war sie nun: Meine Chance auf einen Traumstart in meinen Traumberuf. Die Deutsche Journalistenschule ist die älteste ihrer Art in Deutschland und hat schon so einige journalistische Prominenz hervorgebracht. In Zeiten, in denen viele etablierte Medien um ihre Existenz bangen, ist der Abschluss dort zwar längst kein Freischein mehr für eine Festanstellung beim Wunscharbeitgeber. Aber es ist wohl immer noch eine der besten Ausgangspositionen für Jungjournalisten.