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Die ersten Tage in Istanbul

Als ich heute Morgen aufwachte, hörte ich von der Straße her ungewöhnlich viele Geräusche und Stimmen. Dabei ist die Wohnung, in der ich seit fünf Tagen leben, eigentlich sehr ruhig gelegen. Verwundert fragte ich mich, ob wohl die Schotten für ihre Unabhängigkeit gestimmt hätten – aber würde das wirklich die Menschen in Istanbul in Aufruhr versetzen? Ich ging auf unseren kleinen Balkon und sah, dass Männer verschiedenen Alters riesige Sonnensegel über der Straße aufspannten. Außerdem begannen andere, Kisten aus Lieferwägen zu laden. Da fiel es mir wieder ein: Mein Mitbewohner Mehmet hatte angekündigt, dass freitags immer Markt in unserem Viertel sei.

Neugierig begann ich nach dem Frühstück, den Markt zu erkunden. Es ist vor allem ein Obst- und Gemüsemarkt, vergleichbar mit den Wochenmärkten in Deutschland. Zusätzlich gibt es aber auch Kleider- und Haushaltswarenstände – und dann ist auch noch alles richtig günstig. Wer schon einmal in südlichen Ländern Obst gegessen hat, weiß außerdem, wie aromatisch es hier ist. Dementsprechend musste ich mich bemühen, nicht mehr zu kaufen, als ich essen kann. Sprachlich hatte ich übrigens trotz der für einen Sprachkurs prototypischen Situation meine Schwierigkeiten. Das lag daran, dass die Händler selbst die Zahlen ganz anders aussprachen, als ich das in meinen Kursen gelernt hatte.

Irgendwie kriegt man sich aber immer mitgeteilt, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der ersten Tage. Als Ausländer, der hier für eine längere Zeit bleiben will, muss man hier eine Reihe an bürokratischen Hürden nehmen, die am Anfang unüberwindbar scheinen, vor allem, wenn alle einem sagen, dass in den Behörden keiner Englisch spricht und die Verwaltungen chaotisch-korrupt, um nicht zu sagen sowjetisch, anmuten. Dennoch habe ich den Großteil meiner Pflichten bereits in der ersten Woche abarbeiten können. Dabei habe ich gleich einen guten Überblick über das Leben in der viertgrößten Stadt der Welt erhalten.

Schon bei meinem Besuch im Sommer 2013 zogen mich die Größe der Stadt, ihre Geschäftigkeit und die Menschenmassen in ihren Bann. Was auf den ersten Blick so fasziniert, ist auf den zweiten natürlich mitunter hochproblematisch: Schon als er mich vom Flughafen abholte, hatte Mehmet geklagt, dass der Verkehr jeden Tag schlimmer würde, die Wohnungen knapper, aber trotzdem kämen immer mehr Menschen in die Stadt. Tatsächlich brauche ich mit dem Bus bis zum Zentrum meines Stadtteils Kadıköy nie unter einer halben Stunde, obwohl es nur vier Kilometer sind.

Ich wohne ganz in der Nähe meines Campus. Dieser ist merkwürdigerweise eingezäunt, und wenn man ihn betreten will, muss man sich als Student ausweisen und durch Metalldetektoren gehen. Ein sehr komisches Gefühl ist das. Innen ist der Campus aber wirklich schön, mit vielen Bäumen und Grünflächen. Es gibt dort auch Cafés, Copyshops und eine Mensa. Hier kostet das Essen mit Suppe und Nachtisch nur einen Lira, was etwa 35 Eurocent entspricht. Leider gab es bis jetzt jedoch nie eine vegetarische Hauptspeise. Und auch sonst soll es nicht sehr lecker sein. Heute gab es Leber. Das ist hier wohl ein verbreitetes Essen.

Generell ist es mit Fleischverzicht in der Türkei nicht so einfach. Es gibt an jeder Ecke für wenig Geld Döner (auf türkische Art: ohne Salat und Soß, nur Fleisch). An vegetarischen Alternativen bleibt nur Börek (Blätterteig), gefüllt mit Käse, oder Pide (türkische Pizza), belegt mit Käse. Das kulinarisch Wichtigste ist aber der allgegenwärtige Çay, den die meisten Türken ununterbrochen in kleinen Gläsern zu sich nehmen: Auf der Arbeit, nach der Arbeit, auf der Fähre. Es gibt aber tatsächlich wenig Beruhigenderes als eine Fährtfahrt mit einem Glas Çay. Die Fähren sind hier übrigens selbstverständliches Fortbewegungsmittel, um den Bosporus zu überqueren und von Asien nach Europa zu kommen.

Diese Woche bin ich auch tatsächlich jeden Tag Fähre gefahren. Neben den täglichen Behördengängen war ich auf zwei Erasmuspartys. Dabei lernt man schnell Leute kennen – allerdings vor allem Deutsche. Diese machen sicher achtzig Prozent der Austauschstudierenden aus. Deshalb sind viele schon richtig enttäuscht, wenn auch ich mich als Deutscher oute. Auch auf den Ämtern wimmelt es regelrecht von Deutschen. Wenigstens wohne ich mit einem Türken und einem Italiener zusammen. Mehmet ist 28 Jahre alt und arbeitet schon, ist deshalb nur abends zuhause. Simone studiert auf dem gleichen Campus wie ich Chemieingenieurwesen und ist ein richtiger Partylöwe. Er spricht allerdings nicht so gut Englisch, so dass die Kommunikation zwischen uns manchmal schwerfällt.

Meine Uni-Kurse beginnen erst in der nächsten Woche. Ich bin gespannt, wie gut meine Kommilitonen Deutsch sprechen und wie generell der Unterricht abläuft. Außerdem hoffe ich, durch die Seminare noch ein paar Türken kennenzulernen.

Published inErasmus in Istanbul