Zum Inhalt

Das Germanistikstudium in der Türkei

Offiziell ist der Hauptgrund meines Aufenthaltes in der Türkei mein Germanistikstudium. Wenn ich aber jemandem erzähle, dass ich als Deutscher in die Türkei gehe, um Deutsch zu studieren, ist derjenige meistens belustigt. Es erscheint doch sehr abwegig, außerhalb Deutschlands der Germanistik zu fröhnen. Im speziellen Fall der Türkei kommt noch hinzu, dass wir uns in Deutschland nur allzugern über Türkendeutsch lustig machen. Tatsächlich mache ich Erasmus nicht zur fachlichen Weiterbildung – sondern vielmehr zur persönlichen, eventuell auch beruflichen. Als angehender Lehrer, der in seinem späteren Beruf oft mit Schüler/-innen mit türkischen Wurzeln zu tun haben wird, hielt ich es für eine gute Idee, mich mit der türkischen Lebensweise und Sprache auseinanderzusetzen, um später besser auf eben diese Schüler/-innen eingehen zu können.

Aber auch nachdem ich immer mehr davon abrücke, Lehrer zu werden, bereue ich meine Entscheidung auf keinen Fall. Ein Auslandsaufenthalt ist immer bereichernd, vor allem in einer vermeintlich „fremden“ Kultur, da man immer wieder feststellt, dass Menschen auch in anderen Weltregionen gar nicht so anders ticken (über Exotismus wird an anderer Stelle noch zu reden sein). Darüber hinaus sind die Identitäten der Deutschen und der Türken seit Jahrzehnten eng miteinander verknüpft. Gerade in Istanbul wird deutlich, dass nicht nur viele Türken in Deutschland leben, sondern auch vice versa. Doch trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass wir meistens nebeneinander her leben und nicht miteinander. Deshalb finde ich es wichtig, Interesse aneinander zu zeigen und die Geschichte und Kultur des Gegenübers kennenzulernen.

Soweit zu meiner Motivtaion für diesen Aufenthalt. Dass ich hier zur Uni gehe, ist also eher Mittel zum Zweck (ich hoffe, das liest keiner, der für mein Erasmus-Stipendium zuständig ist). Dennoch war ich gespannt, wie der Unterricht hier abläuft und wie hoch das Niveau ist. Würden meine Kommilitonen gerade erst ihre ersten Gehversuche in der deutschen Sprache machen und ich mich dauerhaft langweilen? Würden meine Dozenten mich Muttersprachler als Assistenzlehrer einspannen? Oder würde ich im Gegenteil von Türk/-innen umgeben sein, die in Deutschland aufgewachsen sind und deshalb nicht weniger fließend sprechen als ich? Wie immer liegt die Wahrheit natürlich in der Mitte, wenn auch mit deutlicher Tendenz zu letzterem.

Zunächst einmal sind die Kurse sehr klein. Es gibt keine Unterteilung in Vorlesungen und Seminare, aber in den Kursen sitzen nie mehr als zehn Studis, manchmal auch nur zwei. In den unteren Semestern soll das noch anders sein, wurde mir berichtet, und das liege daran, dass durch die vielen Quasi-Muttersprachler die Messlatte so hoch liege, dass diejenigen, die nicht zweisprachig aufgewachsen sind, oft nicht Schritt halten können und das Studium nach wenigen Semestern abbrechen. Tatsächlich habe ich in den Kursen das Gefühl, in einer deutschen Uni zu sitzen: Fast alle sprechen akzentfrei Deutsch, so dass es keinenfalls ums Sprachenlernen, sondern um Inhalte geht, also Literatur- und Sprachwissenschaft.

Dass ich nicht in Deutschland bin, erkenne ich eigentlich nur daran, dass es keine PowerPoint-Präsentationen gibt. Die technische Ausstattung dafür wäre vorhanden, aber die Dozenten beschränken sich lieber auf mündliche Vorträge, in die sie gelegentlich auch die Studierenden einbeziehen. Das ist für mich sehr ungewohnt und hat den Nachteil, dass ich neunzig Minuten lang konzentriert zuhören und mitschreiben muss. Schweife ich auch nur eine halbe Minute mit den Gedanken ab, kann es gut sein, dass ich etwas Wichtiges, Klausurrelevantes verpasst habe. Das Gute daran ist, dass sich nicht so eine große Müdigkeit wie in deutschen Vorlesungen breitmacht…

Published inErasmus in Istanbul