Zum Inhalt

Roadtrip an der Schwarzmeerküste und Ausflug auf die Prinzeninseln

Das Erasmus-Programm hat den Ruf, dass die teilnehmenden Studierenden vor allem Party machen. Tatsächlich kenne ich niemanden, der ein Semester ins Ausland geht, um sich akademisch weiterzubilden. Stattdessen wollen die meisten das Leben in einem anderen Land ausprobieren und eine gute Zeit habe. Das finde ich kein bisschen verwerflich, da Erasmus vor allem der Völkerverständigung dienen soll. Und wie könnten sich junge Europäer besser kennenlernen, Freundschaften schließen und Vorurteile abbauen als wenn sie zusammen feiern und verreisen? Gerade das Reisen halte ich für eine gute Möglichkeit, um Land und Leute zu entdecken.

Der Fiat Linea ist hier das beliebteste Auto, quasi der VW Golf der Türken.
Der Fiat Linea ist hier das beliebteste Auto, quasi der VW Golf der Türken.
Unsere Reiseroute, Karte von openstreetmap.de
Unsere Reiseroute, rot markiert die Übernachtungen, grün die Zwischenstopps (Karte von openstreetmap.de).

Deswegen habe ich das verlängerte letzte Wochenende genutzt, um mit drei anderen Erasmus-Studenten, zwei Deutschen und einem Portugiesen, ein Auto zu mieten und die Schwarzmeerküste von Istanbul bis Inebolu zu erkunden. Wegen des Kurban Bayramı, des Opferfestes, waren Montag und Dienstag frei. Das Opferfest gilt als das wichtigstes islamische Fest und ist deshalb in seiner Bedeutung mit dem Weihnachtsfest in Deutschland vergleichbar (auch wenn theoretisch eigentlich Ostern der höchste christliche Feiertag ist). Wichtiger Bestandteil des Festes ist das Schlachten eines Schafes oder einer Kuh. Traditionell sollen die wohlhabenden Familien den Armen etwas von dem Tier abgeben.

IMG_20141004_170343494
Diese Tiere können ausgewählt und vor Ort geschlachtet werden.

Durch Zufall kamen wir an einem Verkaufsstand vorbei, wo man sich ein lebendiges Tier aussuchen und sofort vor Ort schlachten, ausnehmen, zerteilen lassen und mitnehmen konnte. Einer meiner Mitfahrer verglich es sehr treffend mit dem Kauf des Weihnachtsbaumes in Deutschland: Es ist ein Ereignis für die ganze Familie. Auch kleine Kinder sind dabei, Jugendliche filmen die Schlachtung mit ihrem Handy. Manche Familien beten noch vor dem Tier, dann wird ihm unbetäubt die Kehle aufgeschnitten und es blutet aus. Der Körper zuckt noch eine Weile, dann wird das Tier an einen Haken gehängt, das Fell abgezogen, die Innereien entnommen und es in Teile zerlegt. Die Abfälle werden dabei einfach den nächsten Hang hinuntergeschmissen, so dass sich dort die Därme und Mägen stapeln.

Links wird gerade ein Tier geschlachtet, rechts eins ausgenommen.
Links wird gerade ein Schaf geschlachtet, rechts eins ausgenommen.

Auch wenn ich vor drei Jahren noch selbst Hühner und Kaninchen geschlachtet habe, hat mich der Tod der Tiere berührt. Ich finde es zwar gut, dass die Schlachtung hier nicht anonym und maschinell in einer Fleischfabrik erfolgt, sondern dass die Menschen das Tier lebend sehen und später wissen, was da eigentlich auf ihrem Teller liegt (auch wenn hier ebenfalls im Minutentakt getötet wurde). Andererseits finde ich Schächten ohne Betäubung grausam. Ob dies aus religiösen Gründen unumgänglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Was mich aber noch mehr erschüttert hat, war, die lebendigen Tiere zu sehen, wie sie in ihrem Gehege standen, neugierig nach allen Seiten guckten, uns Neuankömmlinge kritisch musterten. Manche Schafe kuschelten sogar eng aneinander, das eine hatte seinen Kopf auf den flauschigen Rücken des anderen gelegt. Haben sie verstanden, was um sie herum geschieht? Können sie den toten Körper eines anderen Schafes, der ohne Fell vor ihnen hängt, identifizieren? Was denken sie, wenn sie an den Hörnern zum Tod geschleift werden, wissen sie, was sie erwartet, haben sie Angst? Wir können es nicht wissen, weil das Schaf nicht reden kann. Gewiss ist jedoch: Das Schaf wehrt sich, wie jedes Lebewesen will es leben. Aber ich will nicht missionieren, deshalb weiter im Text.

Eine futuristische Moschee in
Eine futuristische Moschee in Akçakoca.

Erfahrungen wie die eben beschriebene kann man nur machen, wenn man flexibel unterwegs ist, einfach anhalten, aussteigen und gucken kann und nicht an eine große Gruppe oder einen Bus oder Zug gebunden ist. Diese Freiheit haben wir sehr genossen und sind ohne großen Plan drauflosgefahren, oft an der Küste entlang, immer wieder aber auch ins Landesinnere. Die Landschaft war sehr abwechslungsreich, ebenso die Dörfer. Von kleinen Fischerdörfern wie Kefken über Touristenmetropolen wie Akçakoca bis zur Weltkulturerbestadt Safranbolu war alles dabei. Nach Übernachtungsmöglichkeiten haben wir immer spontan vor Ort geschaut und sind damit auch gut gefahren: Da die Tourismussaison vorbei ist, war genug Platz und die Preise waren niedrig. Obwohl wir in allen drei Nächten den gleichen Preis bezahlt haben, hätten unsere Unterkünfte unterschiedlicher aber kaum sein können: Auf die zweite Nacht im „Belvü Palas“ (im Türkischen schreibt man alles, wie man es spricht), wo die Dusche kalt und die Aussicht furchtbar war, folgte in Kastamonu eine Übernachtung in einem Mittelklassenhotel, das nichts zu wünschen übrig ließ. Die erste Pension lag irgendwo dazwischen, konnte aber mit Balkon zum Meer punkten. Wer jetzt allerdings denkt, wie hätten einen Badeurlaub gemacht, irrt sich: Es war nie wärmer als 20 Grad, oft regnerisch oder neblig.

Die Aussicht aus dem "Belvü Palas".
Die Aussicht aus dem „Belvü Palas“.
Die Weltkulturerbestadt Safranbolu.
Die Weltkulturerbestadt Safranbolu.

Einen weiteren besonderen Kurzstopp haben wir auf dem Rückweg eingelegt. Neben der Landstraße gab es immer wieder kleine Stände, an denen Tee verkauft wurde – so eine Art kleiner Rastplatz. Wir haben an einem etwas größeren davon angehalten: es gab dort auch einen Maiskolbenverkäufer, ein Klo und eine Kapelle. Außerdem liefen Hühner und eine Kuh herum. Es war ein wundervolles Gefühl, sich einfach dazu zu setzen und ein Glas Tee zu genießen. Zumal dessen Preis natürlich nicht ansatzweise mit deutschen Raststättenpreisen vergleichbar ist. Der Wirt fegte schließlich persönlich den Platz – und kehrte alle Servietten und Flaschen einfach den Hang hinunter. Das ist einer der wenigen Facetten, die mich bis jetzt wirklich an der Türkei stören: Überall gibt es Plastiktüten, selbst für jeden einzelnen Sesamring. Das Plastik landet außerdem anschließend oft in der Natur. In Istanbul sieht man das weniger wegen der Straßenreinigung. Aber auf unserer ganzen Tour, selbst in den entlegensten Dörfern waren die Straßenränder mit Plastikverpackungen gesäumt. An vielen Parkplätzen im Grünen hatte ich sogar den Eindruck, dass dort nicht nur das fallen gelassen wird, was vor Ort verzehrt wurde; sondern dass ganze Ladungen Haushaltsmüll einfach in die Büsche gekippt worden waren.

Eine der zahlreichen Teetankstellen entlang der Landstraßen.
Eine der zahlreichen Teetankstellen entlang der Landstraßen.
Idyllisch – wenn da nicht der Müll wäre...
Idyllisch – wenn da nicht der Müll wäre…

An meinen Geburtstag bin ich also in Kastamonu aufgewacht. Wir wollten eigentlich abends auch noch ein bisschen reinfeiern. Allerdings ist die Stadt so konservativ, dass nur in Hotels Alkohol ausgeschenkt wird. Und das Café, in das wir uns schließlich gesetzt hatten, um Tee zu trinken, setzte uns pünktlich um Mitternacht vor die Tür.

Blick auf Amasra.
Blick auf Amasra.
Fährtfahrt zu den Prinzeninseln.
Fährtfahrt zu den Prinzeninseln.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr machte ich einen weiteren Ausflug, der berichtenswert ist. Diesmal ging es auf die Prinzeninseln. Diese liegen etwa zwanzig Kilometer von Istanbul aus im Marmara-Meer (dem Übergang zwischen Bosporus und Mittelmeer). Sie sind zwar besiedelt und es herrscht reger Tourismus, gerade vonseiten erholungsuchender Großstadtbewohner. Das Besondere ist aber, dass dort motorisierte Fahrzeuge verboten sind. Deshalb haben dort Leihfahrräder und kitische Kutschfahrten Konjunktur. Die dauerhaften Bewohner der Insel bevorzugen indes Elektorroller; und E-Bikes dürften dort die Innovation des Jahrhunderts sein. Auch wenn ich noch nicht einmal einen Monat in Istanbul bin und meine Bekannten aus Deutschland, mit denen ich dort war, sogar erst zwei Tage, waren wir uns einig, dass die Stille und vor allem die frische Luft Balsam für Herz, Lunge und Kopf sind. Dazu kommt, dass die Inseln voller Pinien stehen, die um diese Jahreszeit einen bezaubernden Duft ausstrahlen. Abgerundet wird das Ganze von der Bewegung, die man sich beim Spaziergang oder auf dem Leihrad verschafft – schon nach wenigen Stunden waren wir wieder gestärkt für das Metropolengetümmel.

Radtour auf den Prinzeninseln.
Radtour auf den Prinzeninseln.
Blick von den Prinzeninseln Richtung Istanbul.
Blick von den Prinzeninseln Richtung Istanbul.

Zu guter Letzt noch einige Bemerkungen zu meinem Alltag: Da mein Türkisch leider auch nach drei in Deutschland absolvierten Kursen alles andere als konversationstauglich ist, habe ich hier einen weiteren Sprachkurs begonnen. Dafür muss ich zwar dreimal die Woche nach Europa übersetzen, was mich insgesamt eineinhalb Stunden pro Strecke kostet. Dafür ist das Niveau im Kurs genau das richtige, die Sprachschule ist modern ausgestattet und die Lehrerin bietet abwechslungsreiche Methoden und viel Spaß beim Lernen in einem kleinen Kurs. Nach 72 Stunden werde ich Ende November hoffentlich ein deutliches Stück sprachgewandter sein. Bis dahin genieße ich den Blick von der Terasse meiner Sprachschule auf die legendäre Altstadt Istanbuls.

IMG_20141001_173945422
Blick von der Terasse meiner Sprachschule hinüber zur Istanbuler Altstadt.
Quizfrage: Was ist das?
Quizfrage: Was ist das?
Published inErasmus in Istanbul