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Aufenhaltsgenehmigung und andere Höllenqualen

„What is your name? Where do you live?“ Routiniert rattert der Polizeibeamte die Fragen herunter, um mir meine Aufenthaltsgenehmigung auszustellen. „What is your father`s name? Are you a fan of Borussia Dortmund?“ Ich stutze. Dann antworte ich wahrheitsgemäß, dass ich Mainz 05 unterstütze – verschweige aber vorsichtshalber meine Sympathie für Dortmund. „I like Dortmund“, sagt er und grinst mich breit an. „I’m a fan of Fenerbahce.“ Da ist alles klar: Fenerbahce ist neben Galatasaray und Beşiktaş einer von drei großen Istanbuler Fußballclubs, deren Anhänger die jeweils anderen natürlich nicht leiden können. Und Dortmund hatte am Vorabend Galatasaray in Istanbul mit 4:0 gedemütigt.

Das war aber auch das einzig Erfreuliche an dem Marathon durch die türkische Bürokratie, den ich in den letzten Wochen durchlaufen habe. Eigentlich musste ich nur zwei Dinge erledigen: Eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen und mein deutsches Handy registrieren. Als Maßnahme gegen die illegale Einfuhr von Handys aus dem Ausland, so die offizielle Begründung, werden nämlich alle nicht registrierten Mobiltelefone gesperrt, wenn sie länger mit einer türkischen SIM-Karte verwendet wurden, man hat dann keinen Empfang mehr. Wann genau sie gesperrt werden, scheint völlig willkürlich. Eigentlich ist die Rede von mehreren Wochen. Mein Handy hat dagegen von Anfang an nicht mit einer türkischen SIM-Karte funktioniert, so dass ich bis zur Entsperrung nur eine deutsche Nummer hatte, also nur zu horrenden Preisen telefonieren oder das Internet nutzen konnte.

Manchmal könnte man glauben, hier wohnten mehr Katzen als Menschen.
Manchmal könnte man glauben, in Istanbul wohnten mehr Katzen als Menschen.

Obwohl die Sperrung ja eigentlich nur eine Maßnahme gegen illegale Handyeinfuhr sein soll, kostet die Freischaltung in einem Steueramt rund vierzig Euro, so dass man das Gefühl nicht loswird, dass es sich hier vielmehr um eine Steuer als um eine Kontrolle handelt. Da die Alternative aber nur der Kauf eines türkischen Handys darstellt, bin ich möglichst schnell aufs Steueramt und hatte so Ende September eine funktionierende türkische Nummer. Damit das Gerät aber später nicht wieder gesperrt wird, muss man es auch noch beim Mobilfunkanbieter registrieren lassen. Das kostet nicht nur weitere 17 Euro, sondern erfordert darüber hinaus ein Papier von der Polizei. Bis ich das überhaupt erst einmal rausgefunden hatte, benötigte ich mehrere vergebliche Versuche. Zwar gibt es in Istanbul fast mehr Handyläden als Straßenkatzen, aber dort spricht natürlich niemand Englisch. Schließlich wurde ich auf der großen Einkaufsstraße Istiklal fündig; das Englisch des Angestellten reichte aber nicht aus, um mir das mit der Polizei zu erklären. Von Kommilitoninnen habe ich übrigens gehört, dass es bei ihnen auch ohne das Dokument von der Polizei ging: Viele Angestellte scheinen das System selbst nicht zu durchblicken. Wie auch immer, letzte Woche habe ich das Prozedere erfolgreich abgeschlossen und lebe nun ohne die Angst, dass mein Handy aus heiterem Himmel wieder blockiert wird. Anderen Erasmus-Studierenden ist das zu blöd, sie kaufen sich lieber hier ein billiges neues türkisches Telefon – das dann aber kein Internet hat, so dass sie ihr deutsches Smartphone immer mit sich herum schleppen, um unterwegs das ein oder andere Wifi anzuzapfen.

Blick vom Stadtteil Fatih in Richtung Beşiktaş.
Blick vom Stadtteil Fatih in Richtung Beşiktaş.

Die andere große bürokratische Hürde, die es zu nehmen gilt, ist die Aufenthaltsgenehmigung. Das Ausländerrecht scheint recht oft geändert zu werden und die Änderungen scheinen so langsam zu den Akteuren durchzusickern, dass es immer wieder zu kuriosen und für uns Betroffene extrem nervigen Missverständnissen kommt. Kurz nachdem ich mir im August für sechzig Euro mein Studierendenvisum ergattert hatte, wofür ich zwei Vormittage im Konsulat in Mainz zubringen musste, um zu erfahren, dass ich als in Mannheim Gemeldeter ins Karlsruher Konsulat muss, hörte ich von anderen Erasmus-Leuten, dass das Visum abgeschafft sei: Man bräuchte jetzt nur noch die Aufenthaltsgenehmigung vor Ort. Warum wusste das weder das Konsulat in Mainz noch in Karlsruhe? In Istanbul berichteten mir dann wiederum Kommilitonen, dass sie bei der Polizei eine Gebühr bezahlen mussten, weil sie ohne Visum eingereist seien: Im Endeffekt kam der Betrag so oder so aufs Gleiche hinaus.

In keinem Fall kann man sich jedoch die Aufenthaltserlaubnis ersparen, ohne die man das Land nicht wieder verlassen darf (daher der Name?!). Den Termin dafür muss man Monate vorher im Internet ausmachen. Welche Dokumente man für die Beantragung braucht, wurde in den vergangenen Monaten mehrfach geändert. Je nach Polizeistation und bearbeitendem Beamten ist die Änderung aber noch nicht durchgedrungen. Auf der sicheren Seite ist man natürlich trotzdem nur, wenn man am Stichtag alles dabei hat. Unter anderem braucht man eine Bestätigung über die Krankenversicherung – in türkischer Sprache. Meine extra dafür abgeschlossene Auslandskrankenkasse weigerte sich, mir diese auszustellen (trotz Niederlassung in der Türkei). Dafür habe ich herausgefunden, dass eine Bescheinigung von der gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland ausreicht. Die AOK stellte mir diese auch ohne Probleme aus. Dabei ist das eigentlich witzlos, weil ich von deren Seite aus im Ausland nur bei schwerster Krankheit versichert bin, schon bei Petrus ans Tor klopfe, sozusagen.

Auch Hunde gibt es reichlich, wobei diese von den Istanbublern nicht so verhätschelt werden wie die Katzen.
Auch Hunde gibt es reichlich, wobei diese von den Istanbublern nicht so verhätschelt werden wie die Katzen.

Aber es kommt noch dicker: Diese Bestätigung auf Türkisch reicht nicht etwa aus, man muss sie auch noch vom Gesundheitsamt hier in Istanbul in eine weitere Bescheinigung umwandeln lassen. Dort wird man durch diverse Büros geschickt und fühlt sich endgültig wie Obelix im Haus, das Verrückte macht. In besonderer Erinnerung geblieben ist mir der Chef des Amtes, ein Autorität ausstrahlender Herr, der an einem riesigen Schreibtisch vor einem noch größeren Atatürk-Bildnis sitzt, das Dokument über den Rand seiner Brille hinweg streng prüft und dann mit Feierlichkeit und einem edlen Füllfederhalter seine Unterschrift unter den Schrieb setzt, die eigentlich nur aus einer welligen Linie besteht.

Eine weitere Kuriosität ist das Bezahlen der Aufenthaltsgenehmigung. Nachdem man bei der Polizei alle nötigen (und unnötigen) Unterlagen eingereicht hat, muss man die Bearbeitungsgebühr entrichten. Allerdings nicht an Ort und Stelle, sondern in einem anderen Amt, das in meinem Fall sechs Kilometer entfernt lag und an diesem Tag schon geschlossen hatte. Anschließend muss man mit der Quittung wieder auf die Polizei. An diversen Stellen braucht man übrigens Kopien, die man aber nie vor Ort machen kann, so dass sich die Kopiergeschäfte drumherum ein goldenes Näschen verdienen. In die Polizeistation bin ich unter anderem deshalb insgesamt fünfmal rein und raus; am Schluss kannten mich die Sicherheitsleute und haben mich durchgewinkt, ohne in meine Tasche gucken zu wollen.

Für mich als Studenten mit viel frei einteilbarer Zeit war das alles verdammt nervig – aber ich will mir nicht vorstellen, wie schlimm das erst für jemanden mit einem Vollzeitjob sein muss. Oder mit Kindern. Und ich frage mich, ob es für Ausländer in Deutschland genauso schlimm ist. Wahrscheinlich schon. In meinem Hinterkopf flüstert dabei immer wieder mein Studienfreund Max Weber: „Die Bürokratie ist das beste aller Systeme.“

Gesehen im Technikmuseum Rahmi M. Koç.
Gesehen im Technikmuseum Rahmi M. Koç.
Published inErasmus in Istanbul