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Pauschalreise durchs Märchenland

Ich hege eine tiefe Abneigung gegen Pauschalreisen. Gebunden an eine große Reisegruppe, untergebracht in einem Hotel, das ich mir nicht ausgesucht habe, von einem Reiseführer abhängig, der möglicherweise genau das für sehenswert hält, was ich als sterbenslangweilig empfinde. Trotzdem konnte ich bei diesem Angebot nicht Nein sagen: Für 90 Euro drei Tage nach Kappadokien? Ich musste die Gegend nur googlen und schon wusste ich, dass ich dort unbedingt hin wollte. Moscheen und Museen habe ich inzwischen wirklich genug gesehen. Aber eine Landschaft wie diese konnte ich mir für den Preis nicht entgehen lassen. Außerdem bot der Ausflug mit anderen Erasmus-Studenten eine gute Möglichkeit, neue Freundschaften zu schließen.

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Es wäre jedoch klug gewesen, mir die Reisebeschreibung vorher ein wenig genauer durchzulesen. Ich wusste, dass Kappadokien ein Stück zu fahren ist; aber erst als ich am Abend der Abfahrt mit meinen Mitfahrern im Bus darüber sprach, erfuhr ich, dass wir die ganze Nacht durchfahren würden. Das ergibt für Billigtouristen wie uns natürlich Sinn, weil wir so eine Übernachtung sparen konnten. Eine Strapaze war es dadurch nicht weniger. Zumal wir gleich am nächsten Morgen mit den Besichtigungen anfingen, also erst am Abend ins Hotel kamen.

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Der Türkische Abend – ebenfalls in einer Höhle.

Darüber hinaus waren die Mittagessen nicht inbegriffen, für die jeweils weitere sieben Euro fällig wurden, was für hiesige Verhältnisse ziemlich viel ist und sich nur in einem von drei Fällen auch kulinarisch lohnte. Auch der sogenannte Türkische Abend war nicht inklusive, kostete gar 15 Euro. Eigentlich hätten wir dafür unbegrenzt Getränke konsumieren dürfen, auch alkoholische. Allerdings war der Wein, für den Kappadokien berühmt ist, schlimmer als jeder deutsche aus dem Tetra-Pak. Er schmeckte dermaßen nach Essig, dass der Verdacht nahelag, dass er mit eben diesem gestreckt (oder sogar ersetzt) worden war. Ich habe davon keine drei Schlucke herunterbekommen. Es gab zwar auch Bier, das nur ein wenig wässrig schmeckte, und sogar Rakı und Wodka – nur dass es für mehrere hundert Gäste nur eine handvoll Kellner gab, so dass wir nicht über unser erstes Getränk hinaus kamen. Da merkte man schon, dass der Veranstalter des Abends auf das schnelle Geld aus war.

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Kappadokien ist auch für seine Tonkunst berühmt.
Kappadokien ist auch für seine Tonkunst berühmt.

Aber genauso wie es die Reise trotz der Rahmenbedingungen wert war, kamen wir auch am Türkischen Abend noch auf unsere Kosten. Zwei Stunden lang durften wir traditionelle türkische Tänze ansehen. Die Tanzgruppen waren dabei durchaus auf ein junges Publikum wie das unsere ausgerichtet und forderten immer wieder zum Mitmachen auf. Um Punkt zehn ging dann aber auch das Licht aus. Weiterfeiern nicht erwünscht.

Auch Tische, Bänke und Schränke wurden aus dem Fels gehauen.
Auch Tische, Bänke und Schränke wurden aus dem Fels gehauen.

Das Besondere an Kappadokien ist jedoch, wie bereits erwähnt, seine Landschaft. Sie entstand durch Vulkanaktivität, die vor langer Zeit die gesamte Gegend mit Lava überzog. Das daraus entstandene Gestein ist jedoch von einer so lockeren Beschaffenheit, dass Flüsse, Wind und Regen im Laufe der Zeit bizarre Schluchten und große Täler gegraben haben, in denen teilweise nur noch schmale Steinsäulen wie versteinerte Riesen herumstehen. Den Eindruck, den diese Szenerie macht, kann ich unmöglich beschreiben. Auch meine Handykamera kann nur einen sehr begrenzten Einblick ermöglichen, bessere Aufnahmen findet ihr zum Beispiel hier. Eine Fahrt mit einem der dort abgebildeten Ballons wird in Kappadokien an jeder Ecke feilgeboten. Sie kostet aber mindestens 70 Euro. Und an unserem Wochenende war es sowieso zu windig.

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Ein uraltes christliches Fresko.

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Nicht nur die Natur hat die Landschaft Kappadokiens geformt, sondern auch der Mensch. Der Tuff lässt sich extrem leicht bearbeiten, leichter noch als Sandstein, so dass es deutlich einfacher ist, sich eine Höhle zu graben als ein Haus zu bauen. Zudem dienten die Höhlen eine Zeit lang den ersten, damals verfolgten Christen als Versteck. Vielerorts sind die Felsen deshalb löchrig wie ein Schweizer Käse. Nur wenige Menschen wohnen heutzutage noch in den Höhlen; das Aushöhlen der Felsen wurde inzwischen sogar von der Unesco untersagt, weil es die Erosion beschleunigt. Dennoch strahlen gerade die verlassenen Kammern eine große Faszination aus. Stundenlang kann man durch ganze Höhlenstädte streifen und immer neue Wege und Ecken entdecken. Dann der Blick aus dem Fenster: Vor einem liegt die zerklüftete Landschaft. Man weiß, dass sie nicht ewig Bestand haben wird, dass sie weiter erodiert und irgendwann vollständig eingeebnet sein wird. Es ergreift einen ein ungekanntes Gefühl der Erhabenheit. Bis dann, von ganz weit weg, der Reiseführer schreit: Wir müssen weiter.

Die Freunde, mit denen ich in Kappadokien vor allem Zeit verbracht habe.
Die Freunde, mit denen ich in Kappadokien vor allem Zeit verbracht habe, ganz links übrigens mein italienischer Mitbewohner Simone.
Published inErasmus in Istanbul