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Meine Zukunft im Kaffeesatz

Ich weiß jetzt, wie meine Zukunft aussehen wird. Geschrieben stand sie in einer Kaffeetasse. Entschlüsselt hat es mir eine Frau, die aussieht wie ein Mann. Kahve falı, Kaffeeprophezeiung, nennen die Türken die Wahrsagerei auf der Basis von Kaffeesatz. Dafür trinkt man einen türkischen Kaffee, der in einer winzigen Tasse serviert wird und ungefiltert ist, so dass sich am Boden reichlich Kaffeeschlamm ansammelt. Anschließend stülpt man das Tässchen kopfüber und wartet, bis es erkaltet ist. Dabei gilt es natürlich zu beachten, dass keiner außer einem selbst die Tasse berührt. Das bringt Unglück. Betrachtet man später den Inhalt der Tasse, zeichnen sich an deren Wänden feine Muster ab. Aus diesen kann das geschulte Auge die Zukunft des Trinkenden vorhersehen.

Eigentlich bin ich kein großer Freund von solchem Hokuspokus. Aber zwei türkische Freundinnen erzählten mir, dass kahve falı in der Türkei eine lange Tradition hat und viele Türken noch heute regelmäßig zur Wahrsagerin, der falcı, gehen und manche ihre Ratschläge streng befolgen. Da ich unter anderem hier bin, um die türkische Kultur kennenzulernen, wollte ich diese Gelegenheit dann doch nicht verstreichen lassen. Die beiden fragten in ihrem Freundeskreis herum und brachten mich zur angesehensten falcı in Kadıköy. Diese residiert in einem unscheinbaren Café im vierten Stock und ist daher ein echter Geheimtipp. Was es gekostet hat, weiß ich nicht, weil meine Freundinnen mich eingeladen haben. Aber viel wird es sicher nicht gewesen sein.

Die Frau sitzt dort am Fenster, hat sehr männliche Gesichtszüge und eine tiefe Stimme, was auf ihr Kettenrauchen zurückzuführen sein dürfte. Nur die Brüste und die zarten Finger mit den langen, gelben Nägeln sind eindeutig weiblich. Meine Begleiterinnen redeten aber selbstverständlich von ihr als Frau. Eine der beiden übersetzte für mich. Zunächst benötigte die Wahrsagerin noch mein Geburtsdatum, vermutlich aus horoskopischen Gründen, und den Namen meiner Mutter – warum auch immer. Dann legte sie los.

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Das Muster des Kaffeesatzes. Foto von hier.

Ich hätte erwartet, dass sie zuerst mich und dann meine Kaffeetasse gründlich mustert. Stattdessen quatschte sie einfach drauf los, blickte eher meine Übersetzerin und die Decke an als mich. In ihren Äußerungen blieb sie so vage, wie man das aus Horoskopen kennt: So unbestimmt, dass sie möglichst nichts Falsches sagt, aber man möglichst viel hineininterpretieren kann, bis es auf einen selbst passt. Mit einigen Dingen hatte sie sicher nicht unrecht, die ein oder andere Vorhersage war aber auch ziemlich absurd. Sie betonte mehrmals, wie klug ich sei – das ist sicher ein beliebtes Mittel, um Kunden zu schmeicheln und ihr Vertrauen zu gewinnen. Manchmal wurde sie aber auch erstaunlich konkret und ich bin gespannt, was an diesem und jenem Datum passieren wird.

Während wir auf das Erkalten des Kaffees warteten, haben mir meine Freundinnen außerdem von einer anderen Tradition erzählt, die ich für äußerst berichtenswert halte. Bei den Türken gibt es vor Heirat und Verlobung noch eine Stufe. Es ist das erste Mal, dass die Familien des Paares sich kennenlernen. Das Treffen findet bei der Braut in spe statt, deren Familie vorher das Haus putzt als käme Atatürk persönlich zu Besuch. Alle sind schick angezogen und es werden Gespräche über nichtige Themen wie das Wetter und die Anreise geführt. Bis die Frau, um die es geht, für alle türkischen Kaffee zubereitet. Sie gibt sich natürlich große Mühe; nur das Heißgetränk für ihren Geliebten verdirbt sie mit Absicht und nicht selten mit einem gewissen Sadismus. Sie rührt zum Beispiel Salz oder Spülmittel ein. Angeblich sind dadurch sogar schon hoffnungsvolle junge Männer ums Leben gekommen. Der Mann weiß das natürlich im Vorhinein und seine Aufgabe ist es nun, den Kaffee zu trinken, ohne eine Miene zu verziehen. Damit zeigt er, wie viel er bereit ist, für diese Frau zu erdulden. Deshalb nennt sich diese Zeremonie auch kız isteme, „die Frau wollen“.

Published inErasmus in Istanbul