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Alltagsbeobachtungen

In meinen bisherigen Artikeln war kaum Platz für die Beobachtungen des alltäglichen Lebens in Istanbul. Das möchte ich nun nachholen.

Katzen, überall Katzen

Istanbul ist die Stadt der Katzen. Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt mehr Katzen als Menschen. So krass ist es natürlich nicht; aber gerade nachts, wenn ich durch mein stilles und etwas heruntergekommenes Viertel laufe, sind sie es, denen die Straße gehört. Obwohl es Straßentiere sind, lieben die Istanbuler ihre Katzen. Wenige Menschen haben ein Haustier. Stattdessen versorgen alle zusammen die Katzen. Auch wenn ich sie nachts oft im Müll wühlen sehe, füttern die Leute sie vielerorts und eigentlich überall stellen sie ihnen Wasser hin. Ganz anders verhält es sich mit den Hunden. Es gibt einige, aber nicht sehr viele Straßenhunde. Diese haben aber meinen Erfahrungen zufolge einen deutlich schwereren Stand. Noch nie habe ich gesehen, wie jemand sie gefüttert hat. Ich kann mir vorstellen, dass das kulturell bedingt ist: Dass Hunde als dreckig und und plump gesehen werden, während Katzen reinlich und edel sind. Aber das ist nur eine Mutmaßung.

Metrobus

14 Millionen Menschen leben in der Metropolregion Istanbul – und die meisten von ihnen fahren täglich zur Arbeit, zum Einkaufen, viele sogar auf einen anderen Kontinent. Wie diese Menschenmassen bewegt werden, ist ein täglich beobachtbares Wunder. Ein wichtiger Teil davon ist der Metrobus. Er entstand aus dem Problem heraus, dass die Stadt und damit der Verkehr unaufhörlich wächst, während das Erweitern der Metro jahrelang dauert. Busse sind auch keine Lösung, weil auf den großen Straßen Dauerstau herrscht. Der Trick ist nun die Kombination von beidem. Die Metrobusse nutzen die großen Hauptstraßen, halten aber nur so selten wie eine Metro und haben, das ist das Wichtigste, eine eigene Spur. Nur auf der Brücke über den Bosporus müssen sie sich also in den üblichen stockenden Verkehr einreihen. Auf dem Rest der Strecke rauschen sie daran vorbei. Ich finde diese Idee genial. Das Problem ist nur, dass alle das finden und die Metrobusse deshalb immer rappelvoll sind, obwohl alle halbe Minute der nächste kommt.

Der Metrobus. Warum er auf der linken Seite fährt, weiß keiner.
Der Metrobus. Warum er auf der linken Seite fährt, weiß keiner.

Bauboom

Die tausenden Menschen, die jeden Tag neu in die Stadt ziehen oder hier geboren werden, brauchen neben öffentlichen Verkehrsmitteln natürlich auch ein Dach überm Kopf. Deshalb wird überall in Istanbul ständig gebaut. Weil schon lange kein Platz mehr für Neubaugebiete ist und selbst die Grünanlagen bereits drastisch zusammengestutzt wurden (siehe Proteste um den Gezi-Park), werden vielerorts ganze ältere, noch bewohnbare Viertel dem Erdboden gleichgemacht, um dort vielgeschossige moderne Lebebatterien zu errichten. Dass die früheren Bewohner weichen müssen, ist dabei von der Regierung möglicherweise durchaus eingeplant: Viele Türken behaupten, das gehöre zur systematischen Gentrifizierung der inneren Stadtbezirke.

Bettelnde Kinder und Mütter

Als ich letztes Jahr zum ersten Mal in Istanbul war, ist es mir noch nicht so aufgefallen. Vielleicht hat sich die Lage aufgrund der vielen syrischen Flüchtlinge tatsächlich weiter zugespitzt: An jeder Ecke wird gebettelt. Sehr oft sind es Mütter mit kleinen Kindern. Die Kinder schlafen dann fast immer und ich habe gehört, dass manche ihre Kinder mit Drogen ruhigstellen. Häufig sind es aber auch Kinder ohne Eltern, die oft unbeholfen auf einer Harmonica spielen – oder offensiv und aufdringlich auf Passanten zugehen. Diese Kinder betteln mitunter auch noch mitten in der Nacht zwischen lauter betrunkenen Feierlustigen auf der Einkaufsstraße Istiklal. Die heftigste Geschichte hat mir eine andere Erasmus-Studentin erzählt: Sie habe gesehen, dass eine Flüchtlingsfamilie unter einer Brücke gelebt habe und dass die Eltern ihre kleinen Kinder tagsüber festketteten, damit sie selbst betteln gehen konnten, ohne dass die Kinder wegliefen.

Deutsche

Ähnlich wie mit den Katzen verhält es sich mit den Deutschen: Manchmal fühlt es sich an, als gebe es mehr Deutsche als Türken um mich herum. Das liegt in meinem Fall vor allem daran, dass sicher 60 Prozent, vielleich auch 70 Prozent der Austauschstudierenden Deutsche sind. Aber auch an den wichtigsten Touristenattraktionen wird hauptsächlich Deutsch gesprochen. Wenn ich zum Beispiel die Istiklal entlanglaufe, höre ich ständig Deutsch. Besonders witzig ist es in einem Irish Pub, in dem ich manchmal Bundesliga gucke. Dort versammeln sich jeden Samstag die in Istanbul lebenden Deutschen, auch ein paar deutsche Touristen schauen vorbei – und dann wird deutscher Fußball geguckt (sogar auf Deutsch), Bier getrunken und über Türken gelästert. Es erinnert ziemlich an die Cliquen der Weißen in Malawi. Die Preise dort sind auch wie in einem deutschen Irish Pub, so dass meine Freunde und ich 105 Minuten lang an einer Dose Cola nuckeln. Selbst der Kellner ist auf die Zielgruppe eingestellt und spricht Deutsch.

Länderspiel Türkei gegen Brasilien. Die Stimmung im Stadion war so lange gut, bis Brasilien vier Tore schoss.
Länderspiel Türkei gegen Brasilien. Die Stimmung im Stadion war so lange gut, bis Brasilien vier Tore schoss.

Arm-Reich-Kontrast

Durch die Gentrifizierung und die steigenden Mieten in den inneren Stadtteilen, sehe ich hier – bis auf die Bettler – wenig arme Menschen. Diese wurden großteils an den Stadtrand verdrängt (was in Istanbul bedeutet, dass sie mindestens zwei Stunden ins Zentrum brauchen). In meinem Viertel steht aber hier und da noch ein kleines, halb verfallenes Einfamilienhaus. Dort gibt es oft keine Heizung, so dass die Familien mit Kohle heizen müssen. Deshalb riecht es in meinem Viertel im Winter überall nach Kamin und manchmal zieht der Rauch wie Nebel durch die Straßen. Gleich neben diesen Barracken entsteht oft ein riesiger, super luxuriöser Wohn-Neubau. Außerdem sehe ich regelmäßig Menschen, die von Mülltonne zu Mülltonne ziehen und  – oft in der Dunkelheit der Nacht und mit den bloßen Händen – Plastik oder Papier herauskramen, um es für etwas Geld zum Recycling zu bringen. Leider sind das oft auch junge Jugendliche, die eigentlich in der Schule sein müssten. Auf der anderen Seite gibt es hier an den Hauptstraßen Einkaufszentren, die so gigantisch und modern sind, dass ich mich darin völlig verloren fühle. Arm und Reich sind hier in vielen nah beieinander.

Riesige Einkaufszentren wie dieses gibt es überall. Inklusive MediaMarkt und Deichmann.
Riesige Einkaufszentren wie dieses gibt es überall. Inklusive MediaMarkt und Deichmann.
Published inErasmus in Istanbul