Zum Inhalt

Kopftücher und andere Vorurteile: Falsche Klischees über Türken

Klischees sind oft nicht falsch, sondern nur ein Ausschnitt der Wahrheit. Trotzdem vermitteln sie uns ein verzerrtes Bild von unseren Mitmenschen und können zu Vorurteilen führen. Deshalb habe ich in diesem Jahr mit anderen eine Ausstellung über afrikanische Großstädte organisiert. Jetzt, da ich ein bisschen mit dem Leben in der Türkei vertraut bin, möchte ich dazu beitragen, auch Stereotype über türkischstämmige Menschen zu hinterfragen. So platt, wie ich sie hier aufgeführt habe, werden die Vorurteile natürlich selten formuliert. Aber Überspitzung kann helfen, klarer zu sehen. Und in diesem Fall klarer zu entkräften. Ich bin übrigens natürlich noch lange kein Türkei-Experte: Ich kenne schließlich nur Istanbul – und auch hier nur einige Viertel. Trotzdem sind mir in den letzten Monaten einige Dinge aufgefallen, die in diesem Kontext eine gewisse Aussagekraft haben.

Türkische Männer tragen Schnurrbart, Frauen Kopftuch

Dass das nicht so ist, weiß jeder; aber zum Beispiel in den Darstellungen in Büchern herrscht oft das stereotype Bild des Mannes mit der großen Nase vor, darunter der unvermeidliche Schnäuzer. Er ist natürlich schwarzhaarig. Die Frau dagegen trägt Kopftuch und geht keiner Erwerbstätigkeit nach. Der letzte Punkt dürfte noch der mit dem größten Wahrheitsgehalt sein. Zwar arbeiten in der oberen Mittelschicht hierzulande natürlich inzwischen auch Frauen außer Haus. Dennoch ist auffällig, dass auch Berufe, die in Deutschland traditionell von Frauen bekleidet werden, hier fest in Männerhand sind, zum Beispiel als Verkäufer auf dem Markt oder als Bedienung im Restaurant. Aber das Aussehen ist natürlich ein Klischee: Es gibt Türken mit blauen Augen, braunen Haaren, sogar gar nicht wenige Rothaarige. Kopftuch trägt in Istanbul meinem Gefühl nach vielleicht jede zweite Frau.

Blick vom Topkapı-Palast.
Arabische Gäste genießen den Blick vom Topkapı-Palast in Richtung erste Bosporus-Brücke.

Am „Türkendeutsch“ erkennt man mangelnde Intelligenz

Türken, die Deutsch lernen, machen typische Fehler, zum Beispiel das Weglassen der Präposition: „Geh isch Bahnhof.“ Da könnte man denken, das liege an mangelnder Intelligenz. Der Grund dafür liegt aber natürlich in der Muttersprache. Im Türkischen werden die wichtigsten Präpositionen ans Objekt und die Endung für das Personalpronomen ans Verb angehängt: „Gara gidiyorum“, wörtlich übersetzt „BahnhofZum geheIch“. Da es im Deutschen diese Präpositionalendungen für zu, in, von nicht gibt, werden sie bei den ersten Versuchen ganz weggelassen. Die umgekehrte Satzstellung erklärt den Rest. Wenn Deutsche Türkisch lernen, ergibt sich natürlich dasselbe Problem – nur in die andere Richtung.

Alle Türken sind praktizierende Muslime

Tatsächlich sind 99 Prozent der Türken auf dem Papier Muslime. Aber in Deutschland gehen ja auch nur 3,8 Prozent der Menschen in die Kirche, obwohl 60 Prozent formal christlich sind. Während in der Türkei der Wohlstand wächst, können viele nichts mehr mit Religion anfangen. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, habe ich erst einen praktizierenden Muslim kennengelernt. Und bei mir auf dem Campus trägt nur eine Minderheit der Frauen Kopftuch. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Vierteln Istanbuls.

IMG_20141203_162711506
Der Mond geht über dem Bosporus auf.

Türkische Jugendliche sind respektlos

Ich habe mich mal nachts in einer dunklen Gasse verlaufen. Da sprachen mich zwei Jungs an. Für einen Augenblick hatte ich Panik – dann habe ich gemerkt, dass sie mir nur den Weg zeigen wollten. Als mich letzte Woche mein Vater besucht hat, wurde für ihn im Bus regelmäßig der Platz geräumt. Dass türkischstämmige Jugendliche in Deutschland so einen schlechten Ruf haben, dürfte auch an kulturellen Missverständnissen liegen: Zum Beispiel ist in der Türkei das leise Schnalzen mit der Zunge, verbunden mit einem leichten Heben des Kinns, nicht – wie es uns Deutschen zunächst scheint – ein Zeichen von Abschätzigkeit, sondern einfach ein nonverbales Nein. Auch wenn in der Uni die Professorin fragt, ob jemand eine Frage hat, schüttelt niemand den Kopf – stattdessen geht ein leises Klicken durch den Raum.

Türken sind Gauner

Türkische Jugendliche werden in Deutschland oft vorschnell als kleinkriminell abgestempelt. Dabei ist in der Türkei Ehrlichkeit eine der wichtigsten Tugenden. Zwei Beispiele: Beim Einsteigen in den Bus muss man hier vorne beim Fahrer eine Prepaid-Karte entwerten. Oft sind die Busse aber so voll, dass keiner mehr nach vorne durchkommt. Ich hätte erwartet, dass sich die meisten über die Freifahrt freuen. Doch was passiert? Alle geben ihre Karte nach vorne durch, wo sie entwertet und dann zurückgegeben wird. Dabei verschwindet kein einziger der nicht-personalierten Fahrscheine. Zweites Beispiel: Nachts lassen viele Geschäfte ihre Waren draußen stehen. Nicht nur Obst, sondern auch relativ wertvolle Produkte wie Tiernahrung. Und das nicht irgendwo auf dem Dorf, sondern in einer 14 Millionen-Stadt.

Das Café weiß auf sich aufmerksam zu machen.
Das Café weiß auf sich aufmerksam zu machen.

In der Türkei ist alles chaotisch

Ja, die Fahrpläne der Busse sind hier eher zur groben Orientierung geeignet. Und ja, oft kommt der zuerst dran, der am lautesten schreit oder am entschiedesten drängelt. Diese und andere chaotische Momente sind aber meiner Einschätzung nach der Größe Istanbuls geschuldet und nicht einer chaotischen „Mentalität“ oder Kultur. Diese Menschenmassen fahrplangemäß zu bewegen, ist unmöglich – vor allem vor dem Hintergrund einer wachsenden oberen Mittelschicht, die gerne ihr eigenes Auto fahren möchte. Dass es ohne den Verkehr reibungslos laufen könnte, zeigen die Fähren, die immer pünktlich auf die Minute ablegen. Oder die Metro, die alle zwei Minuten einfährt und trotzdem rappelvoll ist. Die von mir beschrieben Bürokratie ist außerdem ja wohl eher ein Zeichen von zu viel Ordnung und Regeln und nicht von zu wenig.

Lies hier Teil 2: Welche Klischees über Türken treffen (meistens) zu?

Published inErasmus in Istanbul