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Von Atatürk bis Çay: Wahre Klischees über Türken

Letzte Woche habe ich versucht, einige Klischees über Türken zu entkräften. Diese Woche berichte ich von denen, die sich für mich größtenteils bewahrheitet haben. Natürlich mit einem gewissen Augenzwickern…

Viele Türken lieben alles, was gold oder silber ist und am besten noch blinkt

Apotheken blinken aufdringlich, über der Einkaufsstraße hängt seit August weihnachtlich anmutendender Lichterschmuck, am Tannenbaum vor einer katholischen Kirche ist vor lauter Lametta kaum noch ein grüner Fleck zu erkennen und mein Mitbewohner hat zwei goldene Delfine auf seinem Fernseher stehen. Der türkische Mainstream-Geschmack deckt sich nicht gerade mit dem Deutschen.

Türken lieben es zu tanzen

Auf der Einkaufsstraße Istiklal steht alle fünfzig Meter ein Straßenmusikant. Meistens sind das nur alte Männer oder Flüchtlingskinder, die Flöte spielen. Manchmal treten aber auch ganze Bands zusammen auf. Und dann ist es unausweichlich, dass junge Passanten zu tanzen anfangen. Zu traditioneller türkischer Musik gibt es auch einen traditionellen Tanzstil, der sich kaum beschreiben lässt. Bei mir auf dem Campus tritt gelegentlich spontan der Folklore-Klub auf. Oder ein Fanclub eines Fußballvereins, die hier fest zum Unileben gehören, wirbt mit einer öffentlichen Tanzeinlage.

Blick vom Galata-Turm über den Stadtteil Beyoğlu.
Blick vom Galata-Turm über den Stadtteil Beyoğlu.

Viele Türken fahren Auto, als gebe es kein Morgen

Neben den normalen Linienbussen, die sich in nichts von denen in Deutschland unterscheiden, gibt es hier, ähnlich wie in Malawi, Minibusse. Deren Fahrer scheinen zu viele Verfolungsjagden im Fernsehen gesehen zu haben. In Erinnerung bleiben wird mir vor allem einer, der gleichzeitig rauchte, telefonierte, kassierte, Kundschaft herbeihupte und parallel zu all dem noch fuhr, als wäre ein Bienenschwarm hinter ihm her. Das ist natürlich ein extremes Beispiel; aber bei sehr schmalen Gehwegen und einem allgemeinen Fahrverhalten, das in diese Richtung tendiert, musste ich doch sehr Lachen, als mir damals die Wahrsagerin sagte, ich solle mich vor dem Verkehr in Istanbul in Acht nehmen. Gut nur, dass meistens so viel Verkehr ist, dass man höchstens im Schrittempo überfahren wird.

Türken verehren Atatürk

In jedem Raum einer staatlichen Institution prangt das Konterfei von Mustafa Kemal, dem Staatsgründer der Republik Türkei, den alle nur Atatürk nennen: Vater der Türken. Auch von vielen Balkonen hängen Fahnen mit seinem Abbild. Zuerst dachte ich, dass es bestimmt auch einige kritische Stimmen zu ihm gibt. Bis heute habe ich aber keine vernommen. Der anarchistische Ultra-Fanklub des Fußballvereins Beşiktaş Istanbul, der sich Çarşı nennt, hat das Motto: „Wir sind gegen alles – außer Atatürk.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Die Teilnehmer meines Sprachkurses, der jetzt leider vorbei ist. In der Mitte meine Lehrerin.
Die Teilnehmer meines Sprachkurses, der jetzt leider vorbei ist. In der Mitte meine Lehrerin.

Die türkische Sprache ist voller Üs

Zum Abschied sagen die Türken „Görüşürüz!“, die Polizeihauptwache ist die „Polis müdürlüğü“ und diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Das Ü ist überall. Genauso häufig finden sich aber die Buchstaben u, i und ı (wird als unbetontes E gesprochen wie im Deutschen „Kappe“) und das hat einen grammatischen Grund: Im Türkischen werden an Wortstämme sehr oft Buchstaben und Silben angehängt und zwar nach den Regeln der sogenannten Vokalharmonie, die ein möglichst reibungsloses Aussprechen ermöglichen soll. Unter anderem folgt auf jedes ö und auf jedes ü ein ü. Deshalb häuft sich das eben.

Türken lieben Çay

„In der Türkei vergeht kein Tag ohne Çay“: Das ist richtig, jedoch völlig untertrieben. Der Schwarztee in den traditionellen Glässchen ist im Alltag überall, vom Schuhputzer bis zum Manager genehmigt sich jeder ein Glas nach dem anderen. Dazu habe ich die Geschichte gehört, dass die Türken vor Atatürk eigentlich eher Kaffeetrinker waren. Doch da Kaffeebohnen in der Türkei nicht wachsen, forderte der Staatsgründer sein Volk auf, zum Tee zu wechseln. Selten dürfte eine Politik so erfolgreich umgesetzt worden sein.

Pierre Lotti: eine Aussichtsplattform, auf der viele Istanbuler gerne am Wochenende einen Çay trinken gehen.
Pierre Lotti: eine Aussichtsplattform, auf der viele Istanbuler gerne am Wochenende einen Çay trinken gehen.
Published inErasmus in Istanbul