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Tränengas am Heiligabend

Ich hatte nie daran gedacht, an Weihnachten nach Hause zu fliegen. Schließlich bin ich nur fünf Monate hier, das ist kurz genug. Außerdem finde ich es für ein paar Tage unverhältnismäßig, so viel Emissionen zu verursachen. Nicht zuletzt war mir das Weihnachtsfest auch noch nie so wahnsinnig wichtig. Allerdings war ich davon ausgegangen, dass das einige andere Istanbuler Erasmus-Studis auch so sehen und ich mir es mit ihnen in den Stunden gemütlich machen kann, wenn es sich dann doch komisch anfühlt, nicht mit der Familie am Tannenbaum zu sitzen. Vor vier Jahren in Malawi hatte das mit den anderen Freiwilligen super geklappt und ich empfand kein bisschen Heimweh.

Weihnachtliche Stimmung in Kadıköy.
Weihnachtliche Stimmung in Kadıköy.

In den letzten Wochen stellte sich jedoch heraus, dass fast keiner so dachte wie ich. Am Wochenende vor Weihnachten reisten nahezu alle nach Hause. Auf einmal waren fast alle meine Freunde weg. Ich sah es schon kommen, dass ich Heiligabend alleine zuhause sitzen würde. Doch dann wurde ich doch noch von neuen internationalen, nicht-studierenden Freunden zu einem Abendessen eingeladen. Der Weg dorthin hielt allerdings noch eine Überraschung für mich bereit. Mein Bus stand im Stau, was hier alltäglich ist. Diesmal ging jedoch gar nichts mehr. Also bin ich ausgestiegen und gelaufen. Der Grund für das Verkehrschaos war eine Absperrung der Polizei, die jedoch nicht für Fußgänger galt, so dass ich meinen Weg fortsetzte. Die Straße war voll von Polizeifahrzeugen und Wasserwerfern. Dch das ist in Istanbul leider ein alltägliches Bild. Auch Maschinenpistolen sind fester Bestandteil der Einschüchterungsstrategie der Regierung.

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Nach einigen Metern spürte ich ein leichtes Brennen in der Nase und im Hals. Ich dachte zunächst, es wären die Abgase, die sich durch den Stau angesammelt hätten. Doch dann kamen mir Menschen entgegen, die sich Taschentücher vor Mund und Nase hielten. Da wusste ich: Es war Tränengas eingesetzt worden. Außerdem sah ich immer mehr Polizisten in schwerer Montur. Zwei Ecken später hatte ich zum Glück die Wohnung erreicht, wo ich zum Essen eingeladen war, und kam so davon, ohne viel vom Gas abzubekommen. Auf der Party war ein Gast, der erzählen konnte, dass regierungskritische Demonstranten eine Großzahl Feuerwerkskörper gezündet hatten – bis die Polizei zurückschoss. Ein Video davon findet ihr hier. Mit fünf jungen Leuten aus der ganzen Welt hatte ich trotz allem noch einen sehr vergnüglichen Abend mit – wie könnte es an Weihnachten anders sein – viel Essen und viel Wein. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte ich allerdings Uni. Und musste sogar ein Referat halten.

Heilig Abend in internationaler Runde.
Heilig Abend in internationaler Runde.

Istanbul ist übrigens vielerorts durchaus weihnachtlich geschmückt: Über den großen Straßen hängt Beleuchtung und Schneekristalle und kitschige Weihnachtsmänner finden sich in vielen Schaufenstern. Der Anlass dafür ist jedoch nicht die Geburt Christi (auch wenn er im Islam als Prophet vereehrt wird), sondern der bevorstehende Jahreswechsel. In einigen Familien gibt es an Silvester sogar Geschenke. Und dafür wird ein Tannenbaum im Wohnzimmer aufgestellt. Künstlich, dafür mit umso mehr Glitzer und Blinken.

Published inErasmus in Istanbul