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Ein holpriger Start ins neue Jahr

Zum Jahreswechsel hatte ich allen Grund zur Freude. Am zweiten Weihnachtsfeiertag war meine Freundin mich für vier Wochen besuchen gekommen. Anfang Januar standen zwar Klausuren an, aber die bereiten mir hier wenig Kopfzerbrechen. Und danach wollten wir für eine Woche nach Çeşme in der Nähe von Izmir fahren, wo es meistens etwas wärmer ist. An Silvester selbst hatte ich meine Erasmus-Freunde zu mir in die Wohnung eingeladen. Es gab ein riesiges Büffet, reichlich Alkohol und um Mitternacht fuhren wir mit dem Taxi ans Meer, um das Feuerwerk zu sehen. Dort gab es statt bunter Explosionen zwar nur Regen und eiskalte Böen zu erleben, aber davon ließen wir uns die Laune nicht verderben und kehrten zu mir nach Hause zurück, um weiter zu feiern. Dafür spielte ich mit meinem Laptop Musik ab. Als ich gerade mal nicht hinguckte, stellte jemand ein Glas Wasser daneben. Und kurz darauf stieß es jemand um. Der Laptop gab sofort den Geist auf. Wir hofften, dass es ausreichen würde, ihn trocknen zu lassen. Aber auch nach mehreren Tagen regte sich nichts.

Die neue Moschee im Schneegestöber.
Die Neue Moschee im Schneegestöber.

Mithilfe eines türkischen Freundes brachte ich ihn zu einem Apple Store. Wenige Tage später dann der Schock: Acht Teile waren beschädigt. Die Reparatur sollte 765 Euro kosten. Zu allem Überfluss ist der Verursacher nicht versichert und weder er noch ich haben gerade so viel Geld auf dem Konto. Also werde ich das Gerät mit nach Deutschland nehmen und dort reparieren lassen, sobald ich es mir leisten kann. Indes zeigen sich wenigstens die Gäste der Party solidarisch und sammeln ein bisschen Geld für mich. Was ich aus der Geschichte lerne: So teure Geräte muss man versichern. Oder von Partys fernhalten.

Der Taksim-Platz im Schnee.
Der Taksim-Platz im Schnee.

Währenddessen begannen meine Abschlussprüfungen an der Uni. Die erste lief gut. Die zweite wurde verschoben. Wegen der kalten Witterung. Es war tatsächlich gegen null Grad und es fiel Schneeregen. Warum deswegen der Unterricht in der ganzen Stadt ausfallen musste, verstand keiner von uns Erasmus-Studis. Zumal am Tag danach alles wieder regulär stattfand – obwohl jetzt wirklich Schnee lag. Ich wusste zwar, dass es in Istanbul schneien kann. Trotzdem war es ein seltsamer Anblick: Die Minarette, die aus dem Schneegestöber ragen, die Fähren, die sich durch den Schneefall über den Bosporus schieben, die Simit-Verkäufer in der verschneiten Istiklal-Einkaufsstraße.

Ich im Schnee.
Ich im Schnee.

Wann die Klausur wiederholt würde, wusste zunächst niemand. Weil Bus und Hotel schon gebucht waren, fuhren wir einfach trotzdem in Urlaub. Morgens hatte ich mich ein wenig erkältet gefühlt. Auf der Fahrt, die die ganze Nacht dauerte, nahm das nächste Unglück seinen Lauf: Ich bekam Fieber, Gliederschmerzen und Schüttelfrost. Und auch nach zwei Tagen Erholung im Hotel ging es mir kaum besser, stattdessen kam Schnupfen und Husten dazu. Schließlich überwand ich mich, zum Arzt zu gehen. Das fiel mir aus drei Gründen schwer: Ich würde um diese Zeit in Çeşme keinen Arzt finden, der Englisch kann. Ich hatte von türkischen Ärzten nichts Gutes gehört: Sie würde immer nur Antibiotikum verschreiben. Und ich hatte eine Versicherung mit Selbstbeteiligung, das heißt, die ersten 100 Euro musste ich selbst tragen.

Eine Krippe einer christlichen Gemeinde in Istanbul. Habe ich schon erwähnt, dass die Türken auf bunte Lichter stehen?
Eine Krippe einer christlichen Gemeinde in Istanbul. Habe ich schon erwähnt, dass die meisten Türken auf bunte Lichter stehen?

Da es aber einfach nicht besser wurde, blieb mir nichts anderes übrig und wir machten uns mit dem Taxi auf den Weg ins nächste Krankenhaus. Als ich dort fragte, ob jemand Englisch könne, lachte erst einmal das ganze Zimmer. Mithilfe von Google Translate konnten wir uns aber doch verständigen und der Arzt diagnostizierte eine Mandelentzündung. Meine Mutter, die auch Ärztin ist, hat mir am Telefon bestätigt, dass das gut sein könne. Also nahm ich das verschriebene Antibiotikum und tatsächlich ging es nach ein paar Tagen bergauf. Den Urlaub habe ich jedoch leider komplett im Bett verbringen müssen. Inzwischen bin ich wieder zurück in Istanbul und pflege meine nun schwer erkältete Freundin. Nächste Woche muss ich dann die zwei Klausuren nachschreiben, die ich wegen Schnee und Krankheit verpasst habe. Das Jahr hätte wirklich weniger holprig anfangen können. Gut, dass noch fünfzig Wochen bleiben, in denen es besser werden kann.

Hier hätten wir einen wunderbaren Urlaub verbringen können. Leider habe ich diese Aussicht jedoch nur vom Bett genießen können.
Hier hätten wir einen wunderbaren Urlaub verbringen können. Leider habe ich diese Aussicht jedoch nur vom Bett genießen können.
Published inErasmus in Istanbul