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Fazit meines Erasmus-Aufenthalts Teil 1: Türkische Sprache und Kontakte zu Türken

In weniger als zwei Wochen geht es für mich zurück nach Hause. Zeit, meinen Aufenthalt Revue passieren zu lassen.

Als ich mich für die Türkei als mein bevorzugtes Land für Erasmus entschieden habe, war ich noch sicher, Lehrer werden zu wollen. Ich erhoffte mir, dass die hier erworbenen Kenntnisse der türkischen Kultur und Sprache mir einen besonderen Draht zu Schülern und Schülerinnen mit türkischen Wurzeln verschaffen würden – schließlich gibt es in deutschen Klassenräumen nicht wenige davon. Aber auch als ich zu zweifeln begann, ob mich der Lehrerberuf glücklich machen würde, war diese Motivation noch lange nicht außer Kraft gesetzt. Denn auch außerhalb der Schulen trifft man in Deutschland (und speziell in Mannheim) viele Türken und ich finde es schade, dass wir Deutschen so wenig über die Herkunft dieser Mitbürger wissen, weil wir meistens eher neben- als miteinander leben. Warum gibt es zahllose Vereine, die sich für die gute Beziehungen nach Frankreich oder in die USA einsetzen – aber nur wenige, die das gleiche Ziel in Bezug auf die Türkei verfolgen?

Blick vom höchsten Wolkenkratzer Istanbuls, dem Sapphire (261 m).
Blick vom höchsten Wolkenkratzer Istanbuls, dem Sapphire (261 m), den ich letzte Woche mit meiner Freundin Leslie genießen konnte.

Überaus motiviert besuchte ich deshalb schon in Deutschland drei Türkischkurse. Ohne Sprachpraxis lernt man naturgemäß sehr langsam – wie langsam, musste ich feststellen, als ich hier eintraf. Ich konnte fast nichts sagen und verstand gar nichts. Um dem entgegenzuwirken, begann ich einen intensiven Sprachkurs: den ganzen Oktober und November lang dreimal pro Woche drei Stunden (danke noch einmal an meine Eltern für das Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk). Weil die Sprachschule im europäischen Teil der Stadt lag, kam dazu auch noch eine je eineinhalbstündige An- und Abreise. Trotzdem war es auch im Rückblick die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Der Kurs war toll gemacht und auch mit den anderen Kursteilnehmern habe ich mich super verstanden. Durch die interaktive und spielerische Art des Unterrichts wurde uns die Scheu genommen, auch zu sprechen, wenn wir keinen perfekten Satz parat haben.

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Über das Internet fand ich zudem zwei Tandempartner, die beide schon sehr gut Deutsch konnten. Sie sind beide sehr geduldig mit meinem Türkisch und ich machte beim Sprechen einige Fortschritte, aber es stellte sich heraus, dass ich vor allem Schwierigkeiten mit dem Hörverständnis habe. Selbst wenn ich eigentlich alle benutzten Vokabeln kenne und mein Gegenüber langsam und deutlich spricht, verstehe ich es sehr oft nicht. Im Gespräch mit anderen Nicht-Muttersprachlern verhält sich das anders, von daher ist es wahrscheinlich reine Übungssache. Es sorgte aber bis zum Schluss dafür, dass ich große Schwierigkeiten hatte, Konversationen zu führen, die über Alltagsroutine hinausgehen. Nach Ende des Kurses besuchte ich außerdem einige Türkisch-Sprachtreffen. Auch dort machte ich die Erfahrung, dass ich schon viel sagen konnte, aber immer wieder am Verstehen scheiterte.

Blick Richtung Asien.
Blick Richtung Asien.

Eine Ursache dafür ist sicher auch, dass ich außerhalb des Sprachkurses kaum der türkischen Sprache ausgesetzt war. Meine Seminare in der Uni waren auf Deutsch, mit meinem italienischen Mitbewohner kommunizierte ich auf Englisch – und mit meinem türkischen leider meistens auch. Durch den Sprachkurs habe ich zwar den Mut gefasst, im Gespräch mit ihm immer wieder türkische Wendungen einfließen zu lassen. Aber wenn es etwas zu klären gibt, dann ist das natürlich auf Englisch viel unkomplizierter. Generell habe ich zu ihm leider eine weniger enge Bindung aufgebaut, als ich es mir erhofft hatte. Eigentlich verstehen wir uns sehr gut. Aber durch seine Arbeit und seine Freundin bleibt ihm so wenig Zeit, dass wir nie wirklich etwas zusammen unternommen haben.

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Auch sonst habe ich – bis auf meine Tandempartner – keine türkischen Freunde gefunden. Die viel zitierte Erasmus-Blase, sie ist wirklich schwer zu druchbrechen. Meine Freunde hier waren, bis auf meinen italienischen Mitbewohner, sogar alle Deutsche. Kein Wunder, wenn 50 bis 60 Prozent der Erasmus-Studis in Istanbul Deutsche sind. (Hier zeigt sich wenigstens doch ein Interesse zumindest der jungen Deutschen an der Türkei und ihren Bewohnern. Wobei viele natürlich auch nur der Stadt wegen kommen – oder weil die Türkei der entfernteste und „exotischste“ Ort ist, and dem man mit Erasmus studieren kann.) Aber wo hätte ich auch Türken kennenlernen sollen? Meine Kommilitoninnen waren allesamt weiblich und da besteht, gerade in einem muslimischen Land, doch eine deutliche Kontaktscheue. Gerne wäre ich einem Klub oder einer Initiative beigetreten. Doch das wurde uns Erasmus-Studis gar nicht erst angeboten. Und selbst die Informationen zu finden, wann wo was stattfindet, ist ohne ausgeprägte Türkischkenntnisse und die richtigen Kontakte schwierig. Generell ist es hier leider nicht so wie an deutschen Unis, dass alle Studierenden gut Englisch können. Außerdem vergeht ein Semester so schnell, dass im Nu die Hälfte vorbei ist und es sich kaum noch lohnt, sich für eine regelmäßig stattfindende Aktivität anzumelden.

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Ich möchte ich meine Freundschaften zu den anderen Deutschen übrigens auf keinen Fall irgendwie abwerten. Ich habe spannende Menschen kennengelernt und hatte mit ihnen eine tolle Zeit, habe in Istanbul viel unternommen, war am schwarzen Meer und in Kappadokien. Sehr gefreut habe ich mich auch über den Besuch von zwei guten Freunden, dann von meinem Papa und zu guter letzt von meiner Freundin, die sogar ganze vier Wochen lang mein Leben hier kennengelernt hat. Diese Besuche haben ebenfalls dazu beigetragen, dass die fünf Monate so schnell wie erwartet vergingen – im positiven Sinne. Insgesamt bin ich auch zufrieden mit meinen Fortschritten im Türkischen. Man sieht leider immer, was man nicht kann und nicht, was man schon alles kann, aber ich weiß, dass ich sehr, sehr viel gelernt habe. Und in Deutschland will ich dranbleiben: Ich habe fürs nächste Semester schon einen Tandempartner in Mannheim gefunden. Außerdem werde ich eine türkische Erasmus-Studentin als Buddy betreuen.

In Teil zwei wird es nächste Woche darum gehen, wie es mir in der Uni ergangen ist und worauf ich mich in Deutschland freue.

Published inErasmus in Istanbul