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Fazit meines Erasmus-Aufenthalts Teil 2: Warum ich mich auf zuhause freue

Selbst die schlimmste Reise hat immer etwas Gutes: Wir wissen danach, wie schön es zuhause ist. Nun war mein Erasmus-Semester in Istanbul alles andere als schlimm, sondern eine sehr gute Erfahrung. Trotzdem ist mir – wie schon in Malawi – einmal mehr klar geworden, was ich an der Heimat habe.

Ein völlig neues Erlebnis für mich war die Größe der Stadt. Aufgewachsen im mittelgroßen Mainz, nach dem Abi ein Jahr im großen aber dörflichen Lilongwe gelebt, studiert im etwas größeren Mannheim und letztes Jahr drei Monate im sehr beschaulichen Bühl am Rande des Schwarzwalds ein Schulpraktikum absolviert, das waren meine bisherigen Erfahrungen. Während Bühl mir defintiv zu klein war, ist Istanbul mir definitiv zu groß – und zwar mindestens zwei Nummern. Es ist fantastisch, welche Möglichkeiten eine derartige Metropole bietet: Es gibt alle nur denkbaren Arten von Menschen, alternative Szenen und jedes Wochenende treten hier Weltstars auf. Aber an das ständige Gedränge, den unvermeidlichen Stau, den Smog und vor allem die wahnsinnig dichte Besiedlung, in der jeder noch so große Baum untergeht, habe ich mich bis heute nicht gewöhnt.

Baumschmerz heißt dieses Kunstwerk.
Baumschmerz heißt dieses Kunstwerk.

Ich liebe es in Mannheim und in Mainz, im Stadtzentrum zu wohnen und alles mit dem Fahrrad erreichen zu können. Aber hier in Istanbul wohne ich zentral (zumindest auf der asiatischen Seite) und bin trotzdem immer stundenlang irgendwohin unterwegs. Und das Fahrrad ist keine wirkliche Option, wenn einem sein Leben lieb ist. Es gibt, außer am Wasser, keine Fahrradwege, die Straßen sind eng, die Bürgersteige noch enger – und über den wilden Fahrstil vieler Türken habe ich ja schon berichtet. Ja, mein Fahrrad fehlt mir wirklich sehr. Außerdem Natur in erreichbarer Nähe. Die Parks hier sind winzig und es ist bezeichnend, dass die Istanbuler sich so für den Gezi-Park ins Zeug gelegt haben, obwohl dieser weder groß noch schön ist. Der nächste nennenswerte Wald ist von mir aus zweieinhalb Stunden entfernt. Das Einzige, was Istanbul vor dem Ersticken in seinen eigenen Abgasen bewahrt, ist der Bosporus und das Marmara-Meer. Die beruhigenden Fährfahrten werde ich sehr vermissen.

Was mir auch sehr fehlte, war meinen Hobbys nachzugehen, vor allem dem Musik machen. Ich habe hier kein Klavier, nicht mal eine Gitarre und auch keinen Chor. Ich hatte mir eigentlich einen gesucht, aber erst haben die sich ewig nicht zurückgemeldet, dann hatte ich Prüfungen, Besuche und schließlich hat es sich nicht mehr gelohnt anzufangen. Zum wiederholten Male habe ich jedoch festgestellt: Ohne Musik zu machen bin ich nicht komplett.

Istanbuler Smog.
Istanbuler Smog.

Womit ich eher weniger gerechnet habe ist, dass ich meine deutsche Uni vermisse, genauer gesagt die Qualität der Lehre. Zwar wurde ich hier äußerst positiv vom perfekten Deutsch meiner Dozentinnen und der meisten meiner Kommilitoninnen sowie den sehr kleinen Klassen überrascht. Dafür stand das inhaltliche und didaktische Niveau bis auf wenige Ausnahmen dem, was ich in Mannheim gewohnt bin, um Welten nach. Es macht auf mich den Eindruck, als seien die meisten Studis und Dozierenden dermaßen unmotiviert, dass der Unterricht in beiderseitigem Einverständnis auf das absolute Minimum heruntergefahren wird. Ich kann nicht sagen, wer daran schuld ist, ob Lehrende oder Studierende; wahrscheinlich ist es gegenseitiger Einfluss.

Jedenfalls besteht der Unterricht in der Regel aus einem Monolog des Dozierenden, während die Zuhörenden versuchen, das Gesagte mitzuschreiben, um es dann für die Prüfung auswendig zu lernen und dort stumpf auszukotzen. An guten Tagen hat der Dozierende vielleicht einmal eine PowerPoint-Präsentation dabei, die er dann aber auch nur wörtlich vorliest. Referate der Studis sind dagegen selten und sind meistens nicht mehr als die Zusammenfassung eines Textes, die dann abgelesen wird. Hausaufgaben gibt es fast nie. Von 14 Seminarterminen darf man achtmal fehlen. Als ich meine Hausarbeit abgegeben habe, die einen für Mannheim normalen Umfang hat, meinte meine Dozentin, das könnte ich in der Türkei als Abschlussarbeit einreichen. Meine Noten sind dementsprechend (worüber ich mich nicht beklagen will).

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mal beschwere, dass es mir in der Uni zu leicht gemacht wird (und ich bin auch nicht nach Istanbul gekommen, um mich weiterzubilden), aber hier habe ich mich drastisch unterfordert gefühlt. Ich studiere schließlich Germanistik, weil mich die Inhalte interessieren, also will ich auch etwas lernen. Vielen meiner Istanbuler Kommilitoninnen scheint es da anders zu gehen. Vielleicht studieren manche nur Deutsch, weil sie die Sprache sowieso schon können. Oder diejenigen, die nicht in Deutschland gelebt haben, ziehen das Niveau so herunter. Ich weiß es nicht, aber jedenfalls freue ich mich sehr auf meine verbleibenden Semester in Mannheim.

Sonnenuntergang in Üsküdar.
Sonnenuntergang in am Bosporus im Stadtteil Üsküdar.

Am allermeisten freue ich mich jedoch darauf, mich im Alltag wieder klar verständlich machen zu können. Ich habe sehr viel Türkisch gelernt, aber ich bin eben immer noch nicht so weit, mich in ungewohnten Situationen angemessen ausdrücken zu können. Das verschärft viele Probleme, die im Laufe so eines Auslandsaufenthalts auftauchen, weil ich immer auf die Hilfe meiner türkischen Freunde angewiesen bin. Als zum Beispiel mein Laptop kaputt ging, musste ich nicht nur einen Termin beim Fachhändler machen, sondern mich auch noch jedes Mal mit meinem Tandempartner abstimmen, wann wir zusammen dorthin gehen (wofür ich ihm sehr dankbar bin). Oder als mich der Postbote mal nicht antraf, musste mein Mitbewohner mit ihm telefonieren, um eine Übergabe auszumachen. Oder als mein Stabmixer nach nur einem Monat den Geist aufgab, musste wieder mein Mitbewohner mit zum Umtausch. Der Gipfel war, als ich völlig am Ende im Krankenhaus war und nicht beschreiben konnte, was mein Problem ist. Da fühle ich mich wie ein Kind, das seine Mama verloren hat.

Klar, es löst sich immer irgendwie alles, aber langsam habe ich keine Lust mehr, so unselbstständig zu sein. Es liegt aber auch an meinem ungeduldigen Naturell, dass ich immer alles sofort erledigen will; andere haben da weniger Probleme mit. In Malawi war das damals anders, erstens weil wir vom DED so hervorrangend betreut wurden und zweitens, weil jeder Englisch konnte.

Nicht zuletzt vermisse ich selbstverständlich meine Familie, meine alten Freunde – und bin (einmal mehr) heilfroh, wenn die Fernbeziehung überstanden ist. Alles in allem freue ich mich richtig auf zuhause, will mich aber nicht vergessen, mich zu bedanken: Bei Istanbul und meinen Istanbuler Freunden für eine unvergessliche Zeit. Und bei der EU, dass sie Erasmus ermöglicht. Çok teşekkür ederim!

Klassisches türkisches Frühstück.
Klassisches türkisches Frühstück.
Published inErasmus in Istanbul