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Wie weltwärts politische Einstellungen verändert

Kurzzusammenfassung für Eilige

  • „weltwärts“-Freiwillige haben vor der Ausreise im Vergleich zu ihrer deutschen Altersgruppe untypische politische Einstellungen: Sie vertrauen ihren Mitmenschen eher, sind toleranter gegenüber Minderheiten, politisch eher links, extrem demokratisch orientiert und extrem umweltbewusst, zudem postmaterialistischer und weniger stolz auf Deutschland.
  • Diese durchschnittlichen Einstellungen der Freiwilligen haben sich nach „weltwärts“ kaum verändert. Allerdings vertrauen sie ihren Mitmenschen noch mehr und rücken politisch geringfügig weiter nach links.
  • Die Einstellungen eines/einer Freiwilligen lassen sich am besten anhand seines/ihres politischen Interesses vorhersagen. Ist es groß, hat er/sie tendenziell mehr soziales Vertrauen, ist eher links, weniger patriotisch und eher postmaterialistisch.
  • Die Faktoren, die während „weltwärts“ wirken, zeigen geringen Einfluss (was aber auch dem Forschungsdesign geschuldet sein könnte). Allerdings lassen politische Diskussionen mit anderen Freiwilligen und ein heftiger Kulturschock Demokratie wichtiger werden. Gleichzeitig verringert ein Kulturschock das Vertrauen zu Mitmenschen.

Einleitung

Tausende junge Deutsche reisen jedes Jahr als „weltwärts“-Freiwillige in ein sogenanntes Entwicklungsland aus. Sie leben und arbeiten dort in der Regel zwölf Monate lang in ganz unterschiedlichen Institutionen und Projekten, zum Beispiel als Lehrer oder in einer Nichtregierungsorganisation. Ich selbst habe zwischen Abitur und Studium ein Jahr lang in Malawi gelebt. Ich war Freiwilliger des Deutschen Entwicklungsdienstes (heute giz) und habe an einem College in der Hauptstadt Lilongwe Computerunterricht erteilt

Fünf Jahre nach meiner Rückkehr kann ich ohne Pathos sagen: Dieser Aufenthalt hat mein Leben verändert. In vielerlei Hinsicht ließen mich die Erfahrungen nicht mehr los. Ich habe Abstand von meinem Leben in Deutschland gewonnen und bin mir darüber bewusst geworden, was für ein privilegiertes Leben ich als deutscher Mittelstandsbürger führen darf. Ich habe gelernt, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, in einer freien, demokratischen Gesellschaft zu leben: Wir jammern auf verdammt hohem Niveau.

Als ich mich im Studium mit politischen Einstellungen beschäftigte, fragte ich mich, welche Auswirkungen solche Erfahrungen darauf haben, wie ein Mensch politisch denkt. Haben die Freiwilligen schon vor ihrer Reise typische Überzeugungen? Welche Ereignisse während des Freiwilligendienstes haben welchen Effekt auf welche Einstellung? Ich beschloss, diesen Fragen in meiner Abschlussarbeit nachzugehen.

Meine Vorgehensweise

Am besten wäre es natürlich gewesen, eine möglichst große Anzahl Freiwillige vom Vorbereitungsseminar über das ganze Jahr bis zur Nachbereitung zu begleiten, am besten sogar noch einige Zeit davor und danach. Aber es sollte ja keine Doktorarbeit werden; die Regeln sehen vier Monate Bearbeitungszeit vor. Angesichts dieser Umstände kam mir die Idee, zwei Gruppen zu befragen: Freiwillige, die bald ausreisen oder gerade ausgereist sind, und Freiwilige, die vor kurzem zurückgekehrt sind. So konnte ich beobachten, welche Einstellungen sich während des Jahres verändert haben. Dieses Vorgehen hat allerdings den Nachteil, dass ich nicht sehen konnte, wie sich einzelne Freiwillige verändert haben, sondern nur, was sich bei der Gruppe der Freiwilligen als Ganzes getan hat.

Bei der Frage, wie ich welche politischen Einstellungen abfragen sollte, ließ ich mich von der World Values Survey (WVS) inspirieren. Das hatte zudem den Vorteil, dass ich die Ansichten der Freiwilligen mit denen ihrer deutschen Altersgenossen vergleichen konnte. Um zu vermeiden, dass ich die falschen Fragen stellte, bat ich bei einem Seminar schriftlich zwölf gerade zurückgekehrte Freiwillige frei aufzuschreiben, ob und inwiefern „weltwärts“ ihre politischen Einstellungen verändert haben könnte.

Die eigentliche Befragung fand dann über ein Online-Formular statt. Per Mail bat ich alle Entsendeorganisationen, den Link an ihre Freiwilligen weiterzuleiten und wies außerdem in Freiwilligen-Gruppen bei Facebook darauf hin. 681 Freiwillige begannen daraufhin, den Fragebogen auszufüllen, genau 600 von ihnen bearbeiteten ihn bis zur letzten Seite, so dass ich ihre Angaben auch tatsächlich verwenden konnte. Nun zu den Ergebnissen.

„welwärts“-Freiwillige haben ungewöhnliche Einstellungen

Die/der durchschnittliche „weltwärts“-Freiwillige hat eine andere Weltanschauung als die/der durchschnittliche deutsche Zwanzigjährige. Sie sind gebildeter, politisch interessierter und extrem engagiert. Sie vertrauen ihren Mitmenschen eher, sind toleranter gegenüber Minderheiten, stufen sich politisch eher links ein, sind weniger stolz auf ihre Nation und sehen sich eher als Weltbürger. Ihnen sind materielle Sicherheiten weniger wichtig als immaterielle Werte und es ist ihnen die Umwelt liegt ihn sehr am Herzen. Es ist ihnen besonders wichtig, in einer Demokratie zu leben und sie unterstützen klassische demokratische Werte wie freie Wahlen und Bürgerrechte noch mehr als ihre deutschen Altersgenossen. Zur Veranschaulichung folgen hier einige Grafiken. „WVS“ steht für World Values Survey und damit die gleichaltrige deutsche Vergleichsgruppe.

 

Die durchschnittlichen Einstellungen ändern sich kaum

Was aus den Grafiken auch ersichtlich wird: Die Unterschiede zwischen den gerade ausgereisten und den gerade zurückgekehrten Freiwilligen sind nicht sehr groß. Das politische Interesse ändert sich gar nicht, sondern bleibt extrem groß. Ob die Veränderung anderer Einstellungen überhaupt bedeutsam ist, habe ich mit Hilfe statistischer Tests überprüft. Das soziale Vertrauen der Freiwilligen steigt demnach signifikant: Vorher gaben 68 Prozent an, dass man den meisten Menschen vertrauen kann, nachher waren es 76 Prozent. Die Toleranz gegenüber Minderheiten ändert sich so geringfügig, dass es statistisch nicht aussagekräftig ist.

Wenn es um politische Positionen geht, spricht man oft von „links“ und „rechts“. Auch wenn Menschen teilweise unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was darunter zu verstehen ist, lohnt es sich, sie zu fragen, wie sie sich selbst auf einer Skala von 1 bis 10 einstufen. Während sich der Durchschnitt dieser Angabe bei jungen Deutsche etwa in der Mitte einpendelt, liegt er bei „weltwärts“-Freiwilligen am Anfang des Dienstes bei 3,33 und damit deutlich links der Mitte. Nach dem Jahr sind die Freiwilligen mit 3,26 politisch sogar noch ein wenig „linker“ geworden. Diese Veränderung ist gering, aber statistisch signifikant. Sie bestätigt sich auch in inhaltlichen Fragen, etwa nach der Zustimmung zur Verstaatlichung von Unternehmen oder dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates.

Dass „weltwärts“-Freiwillige politisch nach links tendieren, zeigt sich auch deutlich bei der sogenannte „Sonntagsfrage“. Wenn morgen Bundestagswahl wäre, würden sowohl vor als auch nach dem Dienst deutlich über 40 Prozent die Grünen wählen. CDU/CSU kommen dagegen nur auf 6 Prozent. Nach „weltwärts“ wächst die Zustimmung zur Linkspartei, die sich um fast sechs Prozentpunkte auf rund 20 Prozent steigert. Das kann allerdings auch an aktuellen politischen Entwicklungen im Befragungszeitraum gelegen haben. Erfreulich ist, dass nach dem Freiwilligendienst weniger Teilnehmer als vorher nicht wählen wollen oder nicht wissen, welcher Partei sie ihre Stimme geben sollen.

Einer der Gründe, warum die Freiwilligen so gerne grün wählen, könnte sein, dass ihnen Umweltschutz extrem wichtig ist. Vor die Frage gestellt, ob sie auch die Umwelt schützen wollen, wenn das Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze gefährdet, antworteten vor „weltwärts“ 93,17 Prozent mit „ja“, danach sogar 95,47 Prozent. Von ihren Altersgenossen stimmen nur 50,4 Prozent zu.

Im Zusammenhang mit politischen Einstellungen wird oft auch untersucht, ob jemand eher materialistisch orientiert ist, also vor allem auf die Sicherung seiner Existenz bedacht ist, oder ob er/sie eher postmaterialistisch denkt, also immaterielle Werte wie Freiheit und Demokratie wichtiger sind als Sicherheit. Während in der Gesamtbevölkerung laut einem Test von Ronald Inglehart die meisten Menschen zu einer Mischung aus beidem tendieren, sind die Freiwilligen vor dem Dienst zu 87,5 Prozent Postmaterialisten, danach immer noch zu 85 Prozent. Die leichte Abnahme ist statistisch gesehen nicht bedeutsam.

Wenn man politische Einstellungen untersucht, dürfen natürlich Fragen zur Demokratie nicht fehlen. Freiwilligen ist es nach ihrem Einsatz wichtiger als vorher, dass die Regierung die Reichen besteuert und die Armen unterstützt; dass sie für Unterschiede zwischen Einkommen ausgleicht; und dass Arbeitslose staatliche Unterstützung erhalten. Was sich durch „weltwärts“ nicht ändert, ist, dass die Freiwilligen finden, dass Bürger in einer Demokratie ihren Herrschern nicht unbedingt folgen müssen. Sie sprechen sich auch nach wie vor gegen Macht für das Militär oder für Religionsführer aus. Die Freiwilligen sind zudem weniger stolz auf Deutschland als ihre Altersgenossen und dieser Wert hat nach dem Dienst sogar noch leicht abgenommen.

„weltwärts“ erhöht das Vertrauen zu Mitmenschen

Insgesamt zeigt sich, dass die Freiwilligen im Vergleich zu ihrer Altersgruppe sehr ungewöhnliche politische Einstellungen haben. „weltwärts“ zieht offensichtlich einen bestimmten Typ junger Mensch an, der nicht nur überdurchschnittlich gebildet ist, sondern auch besonders politisch interessiert und mit politischen Einstellungen, die nicht seinem Altersdurchschnitt entsprechen. Das könnte daher kommen, dass sich junge Menschen mit diesen Einstellungen eher freiwillig engagieren, am Austausch mit anderen Kulturen interessiert sind und bereit sind, dafür einen großen Schritt ins Ungewisse zu gehen. Auch wenn die meisten Entsendeorganisationen sehr gut für ihre Freiwilligen sorgen, müssen sie bei einem längerer Aufenthalt in einem sogenannten Entwicklungsland schließlich auf einige Annehmlichkeiten verzichten.

Festzuhalten bleibt auch, dass sich die politischen Einstellungen durch „weltwärts“ im Durchschnitt kaum ändern. Nach ihrem Einsatz bringen die Freiwilligen ihren Mitmenschen noch mehr Vertrauen entgegen. Sie sind weniger stolz auf Deutschland. Und auf der Links-Rechts-Skala rutschen die Freiwilligen geringfügig nach links, was sich auch in mehr Zuspruch zur Linkspartei äußert. Alle anderen Einstellungen verändern sich nicht in einem Maße, dass es – aus statistischer Sicht – relevant ist. Zu beachten ist allerdings, dass ich aufgrund meiner Vorgehensweise nur durchschnittliche Daten beobachten konnte. Es ist sehr wohl möglich, dass sich einzelne Freiwillige auch anders entwickelt haben, als ich das hier beschrieben habe. Das wurde dann aber durch die Entwicklung der anderen Freiwilligen ausgeglichen. Um zu beschreiben, wie sich einzelne Teilnehmer entwickelt haben, hätte ich dieselben Personen vor und nach „weltwärts“ befragen müssen. So viel Zeit hatte ich leider nicht. Ich hoffe sehr, dass das irgendwann jemand nachholt.

Welche Faktoren beeinflussen die Einstellungen?

Auch wenn die Einstellungen der Freiwilligen klare Tendenzen aufweisen, unterscheiden sie sich doch von Person zu Person nicht unerheblich. Was ist also der Grund dafür, dass einer diese Ansichten hat, eine andere aber andere? Welche Umstände und Ereignisse verändern während „weltwärts“ eventuell die Einstellungen der Teilnehmenden? Das herauszufinden, ist naturgemäß deutlich schwieriger, als die Einstellungen nur zu beschreiben. Die statistische Methode der Regressionsanalyse hilft, das Verhältnis zwischen einer Einstellung und möglichen Ursachen zu untersuchen.

Die Zusammenhänge, die ich dabei gefunden habe, sind eher schwach ausgeprägt; es ist also schwierig, zuverlässige Aussagen über Ursache und Wirkung zu treffen. Es deuten sich aber Tendenzen an. Freiwilligen wird es etwa wichtiger, in einer Demokratie zu leben, wenn sie viel mit anderen Freiwilligen über Politik geredet haben. Sie scheinen sich gegenseitig zu bestärken, dass Demokratie etwas sehr Wichtiges ist. Berichten die Freiwilligen von einem sogenannten „Kulturschock“, haben sie sich also in ihrem Gastland oft fehl am Platz gefühlt, wird ihnen Demokratie ebenfalls wichtiger. Der kulturelle Schock scheint also auch mit den politischen Zuständen vor Ort zusammenzuhängen. Ein Kulturschock verringert außerdem das Vertrauen des oder der Freiwilligen zu  seinen Mitmenschen – besonders, wenn er oder sie mit der Motivation ausgereist ist, eine andere Kultur kennenzulernen.

Am besten lassen sich die politischen Einstellungen der Freiwilligen jedoch anhand ihres politischen Interesses vorhersagen: Ist es groß, haben sie mehr soziales Vertrauen, sind eher links, weniger patriotisch und eher Postmaterialisten. Da sich das politische Interesse durch „weltwärts“ durchschnittlich nicht ändert, geht es hier um einen Faktor, der wahrscheinlich schon vor dem Freiwilligendienst begründet ist. Genauso sind die Freiwilligen, die vor ihrem Einsatz im Umweltschutz engagiert waren, auch danach besonders umweltbewusst. Wie die jungen Menschen nach „weltwärts“ politisch ticken, wird also vor allem davon bestimmt, wie sie vorher drauf waren. Der Einfluss des Dienstes scheint nicht allzu groß zu sein. Allerdings könnten die von mir gemessenen Effekte auch dadurch verzerrt sein, dass ich nur Einstellungen und nicht ihre Änderung bei einzelnen Freiwilligen untersuchen konnte.

Ein Fehler wäre es sicherlich, meine Ergebnisse so auszulegen, dass die Freiwilligen sich durch „weltwärts“ nicht weiterentwickeln. Schließlich habe ich nur die politischen Einstellungen analysiert und keine persönliche Weiterentwicklung. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die meisten Freiwilligen durch das Jahr selbstständiger und reflektierter werden. Aber das müsste noch einmal in einer anderen wissenschaftlichen Arbeit bestätigt werden.

Für alle, die es ganz genau wissen wollen, hier die vollständige Arbeit als PDF.

Auszüge meiner Arbeit sind inzwischen in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht. Wer wissenschaftlich aus ihr zitieren möchte, findet sie hier.

(Foto oben: weltwärts- und andere Freiwillige in Kamerun. Creative-Commons-Foto: 350.org)

Published inKommentare zu Politik & Gesellschaft