Zum Inhalt

Was ist dran an der „Lügenpresse“?

„Die etablierten Medien sind doch eh alle gesteuert. Sie sind voreingenommen, berichten immer nur über die gleichen Themen und schlagen immer wieder in die gleiche Kerbe. Sie werden von der Regierung kontrolliert, die ihre Befehle wiederum von den USA empfängt. Unabhängigen Journalismus gibt es in Deutschland nur auf alternativen Internetseiten.“

Derartige Äußerungen höre ich in letzter Zeit immer häufiger. Nicht nur von Pegida-Anhängern, sondern auch von Menschen, die ich für sehr vernünftig halte. Sie schließen sich der Theorie der „Lügenpresse“ an, allerdings ohne diese Bezeichnung zu übernehmen, die dann doch zu eindeutig besetzt ist. Was ist passiert, dass auf einmal so viele Menschen den Medien misstrauen? Hat sich die Berichterstattung verändert?

Durch die technische Weiterentwicklung geht heute alles schneller. Journalisten können  allein mit einem Smartphone von überall aus Fotos und Videos aufnehmen, sie bearbeiten, einen Text dazu schreiben und alles online stellen. Und weil das Medium am meisten Klicks verbuchen kann, das am schnellsten ist, kommt es zu einem Wettlauf. Dass dabei hin und wieder die Gründlichkeit auf der Strecke bleibt, muss keinen wundern.

Viel stärker als den Journalismus verändert das Internet jedoch die Konsumenten. Erst seit der großen Vernetzung können sich die Menschen auch aus semiprofessionellen Quellen informieren. Diese Vielfalt ist prinzipiell zu begrüßen, hat aber zur Folge, dass sich auch mangelhaft recherchierte oder sogar frei erfundene Inhalte in Windeseile verbreiten. Denn auch Blogger und andere Hobby-Journalisten sind auf Aufmerksamkeit und Klick-Zahlen aus, teilweise bereit, dafür zu tricksen oder schlicht nicht geschult genug, um unverlässliche Informationen zu erkennen. Da nicht wenigen Bürgern ebenfalls der nötige kritische Blick fehlt, um Falschinformationen zu entlarven, denken sie, die „etablierten Medien“ würden diese Nachrichten entweder aus Unfähigkeit übersehen – oder mit Absicht verheimlichen. Und schon ist die „Lügenpresse“ geboren.

Deutsche, die glauben, die hiesigen Medien seien gesteuert, sollten sie einmal mit tatsächlich staatlich kontrollierten Medienapparaten vergleichen, wie sie etwa in China und inzwischen auch in der Türkei zu finden sind. Natürlich versuchen deutsche Politiker, zu ihrem Vorteil auf Medien einzuwirken. Und es gibt auch käufliche Journalisten. Aber das sind Einzelfälle, die nach kurzer Zeit auffliegen und keinesfalls unter den Teppich gekehrt werden. Wie es Politikern ergeht, die versuchen, die Medien zu bedrohen, hat uns Ex-Bundespräsident Wulff vorgeführt. Die TV-Sendung „Die Anstalt“ deckte Verstrickungen namhafter Journalisten mit transatlantischen Bündnissen auf und kritisierte die Berichterstattung zur Ukraine-Krise scharf. Dabei läuft „Die Anstalt“ im ZDF, also im „Staatsfernsehen“. So schlecht kann es um die Pressfreiheit in Deutschland somit nicht bestellt sein. Und man muss ich immer vor Augen führen: Sollte ein Journalist tatsächlich bestechlich oder gesteuert sein, wäre es ein gefundenes Fressen für alle anderen. Wie ich meine Journalisten-Kollegen bisher kennengelernt habe, würden wir sofort davon erfahren.

(Beitragsbild oben: Bei einer Live-Übertragung schreit ein Pegida-Demonstrant ständig „Lügenpresse“ dazwischen. Foto: quapan)

Published inKommentare zu Politik & Gesellschaft