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Medienrealität: Ein verzerrter Blick auf die Welt

Bad news are good news. Das ist wohl der älteste Grundsatz des Journalismus und bis heute gültig. Hohe Einschaltquoten oder Klickzahlen lassen sich vor allem mit Katastrophen, Verbrechen und Skandalen erreichen. Dass das so ist, kann man nicht den Medienschaffenden vorwerfen, sondern der menschlichen Neigung, dass wir hingucken wollen, wenn etwas Schlimmes passiert. Wer kann schon behaupten, er würde nicht zumindest einen Blick werfen, wenn es auf der Gegenfahrbahn einen Unfall gab? Wahrscheinlich ist das ein evolutionärer Instinkt: Wir wollen die Gefahr im Blick behalten.

Gilt jedoch auch umgekehrt „Good news are bad news“? Oder sogar: Good news are no news? Das würde ich so nicht sagen. Die Medien berichten durchaus gerne über positive Ereignisse, zum Beispiel den herzlichen Empfang für Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof oder jetzt kürzlich, dass im deutschen Durchschnitt die Löhne schneller steigen als die Mieten. Warum hat man dennoch den Eindruck, dass es in der Berichterstattung vor allem um Krieg und Katastrophen geht? Das Problem ist, dass oft die gute Nachricht wäre, dass es keine schlechte Nachricht gibt. Doch das ist keine Neuigkeit und zieht keine Aufmerksamkeit auf sich. Es taugt nicht zur Schlagzeile, dass es in Europa seit 70 Jahren keinen Krieg gegeben hat. Oder dass 99,99998 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland keinen Terroranschlag verübt haben. Stattdessen machen die zwei Geflüchteten von sich reden, die die Ausnahme von der Regel darstellen.

Die Medien stellen die Welt also nicht so dar, wie sie ist, weil sie nicht über positive Kontinuität und glücklichen Alltag berichten. Sie neigen stattdessen zur Neophilie: Sie stellen das heraus, was neu und ungewöhnlich ist. Würde täglich in den Zeitungen stehen, dass gestern 9 von 10 Menschen auf diesem Planeten genug zu essen hatten und dass fast alle Menschen in Frieden leben konnten, hätten wir ein realistischeres Bild von der Welt. Das ist jedoch weder umsetzbar noch wünschenswert. Schließlich haben die Medien eine begrenzte Kapazität und müssen Nachrichten auswählen. Natürlich konzentrieren sie sich dann auf die meist negativen Neuigkeiten und nicht auf die meist positiven Nicht-Neuigkeiten. Ein Fokus auf letzterem wäre wohl auch nicht wünschenswert, weil es die Rezipienten eventuell dazu verleiten würde anzunehmen, dass mit der Welt alles in bester Ordnung ist und es deshalb keinen Anlass für politische Veränderung gibt. Es würden sich wohl weniger Menschen gegen den Welthunger engagieren oder spenden, wenn die Konzentration der Medien ständig auf den 90 Prozent der Menschheit läge, die genug zu essen haben.

Was macht es nun mit den Konsumenten, wenn die Medien stets das Negative betonen? Intuitiv könnte man annehmen, dass es sie zu Pessimisten macht. Spaßhaft nennen meine Freundin und ich die Tagesthemen deshalb gerne auch mal „Tagesfrustration“. Könnte das im schlimmsten Fall zu Resignation führen, weil die Rezipienten das Gefühl haben, die Welt wäre sowieso nicht mehr zu retten? Aufgrund dieser Überlegungen befürchteten Forscherinnen und Forscher eine Zeitlang, dass erhöhter Medienkonsum zu politischem Desinteresse führe und die Leute glauben ließe, dass sie politisch nichts bewirken könnten (sogenannte Video-Malaise).

Empirische Studien haben jedoch gezeigt, dass das nur auf die Menschen zuzutreffen scheint, die vor allem unterhaltende Inhalte konsumieren. Wer dagegen häufig politische Inhalte aufnimmt, sieht seine politischen Einflussmöglichkeiten – trotz des Negativismus der Medien – als eher gut an. Natürlich könnte die Kausalität hier eher andersherum liegen: Wer an seinen Einfluss glaubt, informiert sich eher. Dennoch ist zumindest der Eindruck widerlegt, dass Nachrichtengucken zur Resignation führt.

(Beitragsbild: Creative-Commons von Sollok29)

Published inKommentare zu Politik & Gesellschaft

Ein Kommentar

  1. […] besonders viel Aufmerksamkeit schenken. Wahrscheinlich tragen auch die Medien ihren Teil dazu bei, indem sie vor allem über Dinge berichten, die schief laufen,und nicht über solche, bei denen alle… Und auch im privaten Gespräch teilen wir unserem Gegenüber natürlich nur mit, wie sehr ein […]

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