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Was man im Studium wirklich lernt

Gegen Ende der Schulzeit hatte ich eine sehr romantische Vorstellung vom Studium: Endlich auf die Fächer konzentrieren, die mich wirklich interessieren! Endlich wirklich Anspruchsvolles lernen und ein wahrer Bildungsbürger werden! Endlich erwachsen und selbstständig werden! Endlich ganz viel Zeit und Möglichkeiten für Hobbys haben! Nun, da ich nach fünf Jahren mein erstes Staatsexamen hinter mir habe, muss ich über meine damalige Perspektive ein wenig schmunzeln. Wie so oft kam alles anders als gedacht. Ich habe vieles nicht gelernt, was ich lernen wollte. Aber ich habe auch einiges gelernt, dessen Wichtigkeit mir vorher noch gar nicht so bewusst war. Fünf Jahre Studium in sieben Stichwörtern:

Was man im Studium nicht lernt:

Allgemeinbildung

Akademiker haben den Ruf, gebildet zu sein und viel zu wissen. Früher dachte ich, das käme durchs Studium, aber das eigentliche Studium – also Vorlesungen, Seminare und Literatur – machen einen nur zum Fachidioten. Ich habe mittelhochdeutsche Lautverschiebungen und Finanzbuchhaltung gelernt, mich in der Uni aber nicht mit dem Zeitgeschehen (auch nicht in Politikwissenschaft) oder Rechtschreibung (auch nicht in Germanistik) beschäftigt. Wenn Akademiker tatsächlich gebildeter sind, dann liegt das nicht an dem, was sie im Studium gelernt haben – sondern vorher, nebenher und danach. Das unterstreicht einmal mehr: Man muss nicht studiert haben, um gebildet zu sein.

Einen Beruf

Wer nach der Schule nicht studiert, macht in der Regel eine Ausbildung. Also ersetzt das Studium in der Theorie eine Ausbildung. Dennoch berichten mir alle, die schließlich in den Beruf wechseln oder auch nur ein Praktikum machen, dass sie in ihrem Berufsalltag fast nichts aus ihrem Studium gebrauchen können. Sicher gibt es Unterschiede zwischen den Fächern und Fachhochschulen haben den Ruf, praxisnäher zu sein, aber gerade wer Sozial- oder Geisteswissenschaften studiert und danach nicht in die Wissenschaft geht, wird kaum etwas für seinen Beruf lernen. Stattdessen viel Wissenschaftsgeschichte, Theorien, Statistik und wissenschaftliches Arbeiten.

Lebenspraktische Dinge

Der Abiturient, der keine Glühbirne wechseln kann, wird es auch als Akademiker nicht können. Dasselbe gilt fürs Waschmaschine anschließen oder kochen können. Das bringt einem das Studium nicht bei und das kann ja auch wirklich keiner erwarten. Nun könnte man einwenden, dass Studis solche Dinge doch automatisch lernen müsste, wenn sie zum ersten Mal alleine wohnen. Tun viele aber leider nicht. Oft helfen doch wieder Mami und Papi und Mensa und Tiefkühlpizzen machen ja auch satt. Oder es gibt einen Mitbewohner, der einem den Stress erspart. Ich habe wirklich erschreckende Beispiel von völlig unselbstständigen Menschen erlebt, die schon eine Weile zuhause ausgezogen sind.

 

Was man im Studium lernt:

Wie die Wissenschaft funktioniert

Was ist eigentlich eine „repräsentative Studie“? Was bedeutet überhaupt „wissenschaftlich“? Und was tun Professoren eigentlich den ganzen Tag? Diese und viele weitere Dinge können die meisten Absolventen beantworten. Da die Wissenschaft in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt, ist das sicherlich kein unnützes Wissen.

Sich schnell in Themen einzuarbeiten

Jedes halbe Jahr beginnen Studierende mit neuen Kursen. Auch wenn sie zu einem Fach gehören, ist es erstaunlich, wie groß die Bandbreite an Themen ist: in Politikwissenschaft zum Beispiel von Institutionentheorie bis zu multivariaten statistischen Modellen, in Germanistik vom Nibelungenlied bis zur phonetischen Eigenheiten der „Kanaksprak“. Ständig gilt es, sich mit neuen Unterdisziplinen, Theorien und Autoren auseinanderzusetzen. Wer das bis zum Abschluss durchhält, beweist Geduld und und entwickelt eine schnelle Auffassungsgabe. Das dürfte tatsächlich der Hauptgrund sein, warum Unternehmen am liebsten Akademiker anstellen – selbst wenn sie ihr Wissen aus dem Studium im Beruf nicht gebrauchen können.

Einfache Antworten sind meistens falsch

Im besten Fall nimmt man aus dem Studium eine gute Portion Skepsis mit. Was oft ein bisschen sperrig „kritisches Denkvermögen“ genannt wird, bedeutet im Wesentlichen, dass jede Aussage zwei Fragen nach sich zieht: Ist das wirklich so? Warum ist das so? Wenn also ein Populist oder der Anhänger einer Verschwörungstheorie alle negativen Entwicklungen mit Migration oder der geheimen Weltregierung erklärt und dafür vielleicht sogar vermeintliche Beweise vorlegt, kann Studierte eine wissenschaftliche Denkweise davon abhalten, ihm auf den Leim zu gehen. Wenn ich eins in meinem Studium gelernt habe, dann ist es, dass die Welt komplex ist und einfache (monokausale) Erklärungen nie richtig sind. Das Zusammenleben von sieben Milliarden Menschen und die Entwicklungen von Tausenden Jahren Kulturgeschichte haben derart vielseitige und einander bedingende Gesellschaftsverhältnisse geschaffen, dass ein Symptom nie nur eine Ursache hat.

Man lernt sich selbst besser kennen und entwickelt sich weiter

Ich bin ein anderer Mensch als vor fünf Jahren. Ich weiß natürlich nicht, inwiefern das Studium selbst dafür verantwortlich ist, aber es hat mich doch zumindest mit vielem in Berührung gebracht, was mich geprägt hat: das Zusammenleben in verschiedenen Wohngemeinschaften, das oben beschriebene wissenschaftliche Arbeiten, das Engagement in verschiedenen Initiativen an der Uni und natürlich besonders die Menschen, die ich kennengelernt habe. Das alles hat mir geholfen, mich selbst besser kennenzulernen und weiterzuentwickeln. Dafür bin ich allen dankbar, die das ermöglicht haben: meinen Eltern, meinen Kommilitonen und Mitbewohnern, manchen Dozenten und ja: auch dem deutschen Staat. Unser Bildungssystem ist sicher weit davon entfernt, perfekt zu sein. Aber dafür, dass Bildung hier fast nichts kostet, ist es doch ziemlich gut, finde ich.

(Beitragsfoto „Math lecture at TKK“ von Tungsten)

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