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Raus aus der Blase, rein in die Kneipe

Manche Kneipen sehen von außen einfach abstoßend aus. An einem Samstagabend habe ich ihnen trotzdem eine Chance gegeben.

Als ich mit Johannes vor dem „Café-Bistro K 6“* stehe, überkommt mich ein großes Unbehagen. Die Fenster sind mit Folie verklebt, dort sind Würfel und Pokerchips abgebildet. Auf der Karte neben der Tür werden „Marakuja saft“ und „Tequlia“ angeboten. Absteigen wie diese lassen Studenten normalerweise links liegen.

Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz: Der Migrant trinkt seinen Tee, der Arbeiter sein Bier und der Student seine Club Mate immer nur unter seinesgleichen. Wäre es nicht viel spannender, zusammen an einer Bar zu sitzen? Mein Kommilitone Johannes sieht das genauso, und so nahmen wir uns vor, das Gesetz zu brechen. An diesem Samstagabend werden wir nur in Kneipen gehen, in denen Studenten absolut nichts verloren haben.

Bei dem Gedanken daran wird mir klar, dass mich nicht nur das unattraktive Äußere solcher Schänken abstößt. Es ist vor allem die Angst vor dem Unbekannten. Ich befürchte, angestarrt oder angemacht zu werden. Unsinn, rede ich mir ein, es sind doch öffentliche Lokale. Also betreten wir „K 6“.

Am Tresen sitzt eine alte Frau, die raucht und Tee trinkt. Neben ihr stehen Plastikrosen in einem Weizenbierglas. In der Ecke befinden sich drei Spielautomaten, mehr sind in Gaststätten nicht erlaubt. YouTube beschallt den Raum mit türkischer Volksmusik.

Wir setzen uns an die Bar und bestellen zwei Pils. „Bier heute gibt nicht“, antwortet die Bedienung ohne eine Miene zu verziehen. Wir weichen auf Cola aus. Einige Minuten später kommt ein Mann mit zwei Bier zur Tür herein und stellt sie kommentarlos vor uns ab. Die drückende Stimmung in der fast leeren Kneipe halten wir jedoch auch mit Alkohol nicht lange aus. Beim Bezahlen erklärt der Mann der Bedienung auf Türkisch, dass wir getrennt zahlen, weil wir Deutsche sind.

In Mannheim gibt es unzählige Kneipen wie das „K 6“, die fast ausschließlich von einer Migrantengruppe besucht werden. Wir geben ihnen noch eine Chance und betreten das „Özkan“. Die junge Bedienung schaut uns verwirrt an. „Was … ?“, stammelt sie, als käme George Clooney unangekündigt zur Tür herein. „Wir würden gerne ein Bier trinken“, sagt Johannes freundlich, und ihr Blick hellt sich auf. Vielleicht hatte sie befürchtet, wir wären von der Polizei. In der Ecke sitzen drei Männer vor Spielautomaten und sind so vertieft darin, drei gleiche Früchte in eine Reihe zu bringen, dass sie keine Notiz von uns nehmen. Samstagabendstimmung kommt hier nicht auf. Wir beschließen, es mit einer anderen Art Kneipe zu versuchen, in der Studenten nichts verloren haben: Schänken, die vor allem deutsche Arbeiter besuchen.

In „Berta’s Pub“ posieren halbnackte Frauen mit Motorrädern auf den Bildern an der Wand. An der Theke sitzen drei Gäste in ihren Fünfzigern und bestätigen sich gegenseitig in ihren ausländerfeindlichen Ansichten. Als wir den Laden nach einem Bier wieder verlassen, kommentiert Johannes: „Man kann dieselbe Sprache sprechen und sich trotzdem nicht verstehen.“ Können wir also tatsächlich nur mit Studenten einen lustigen Abend verbringen?

Noch wollen wir das nicht wahrhaben und öffnen die Tür zur „Eichenklause“. Es ist Karaoke-Abend und rappelvoll. Ein Mann mit kurz geschorenen Haaren guckt uns schief an und wundert sich im Berliner Dialekt: „Wo kommt ia denn hea?“ Er stellt sich als Boris vor und erzählt dann stolz: „Hab heute schon ’n janzen Kasten Bier jetrunken!“

Boris macht uns mit einem riesigen Typen bekannt, bei dem der Kopf samt Baseballkappe direkt auf dem massigen Körper zu sitzen scheint. Als wir erzählen, dass wir Politik studiert haben, schreit er: „Lügenpresse!“ Boris versucht ihn zu beruhigen: „Sie machen ja nichts mit Medien…“ Später beobachten wir, wie der Mann ohne Hals uns böse Blicke zuwirft und Gesten mit der Faust macht. Wir singen derweil „Lemon Tree“. Alle Gäste stimmen ein, und ich bin verblüfft, wie wohl ich mich fühle. Zum Abschied umarmt mich Boris und gibt mir einen Kuss auf den Hals.

Um die Ecke ist eine Schwulenbar. „Kneipen, in die wir sonst nie gehen würden … “, erinnert mich Johannes lachend. Also rein. In dem kleinen Raum wirft eine Diskokugel buntes Licht durch dichten Kunstnebel. Zwei Zapfhähne haben die Form von Dildos. Die Gäste rühren apathisch in ihren Longdrinks und nicken mechanisch im Rhythmus der House-Beats.

Ein Bier später sind wir genauso gelangweilt und wünschen uns, wir wären in der „Eichenklause“ geblieben. „Eigentlich ist egal, ob ein Laden schäbig ist“, philosophiert Johannes, der inzwischen leicht lallt: „Hauptsache, die Stimmung ist gut.“ Unser Politikstudium verschweigen wir beim nächsten Mal allerdings besser.

* Alle Kneipennamen habe ich geändert, um dort keine Kundschaft abzuschrecken.

(Beitragsfoto: CreativeCommons von Joergelmann)

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