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Tinder, Erdoğan und ein Boot: Mein Weg an die DJS

Die Einladung zum Auswahlverfahren der Deutschen Journalistenschule erreichte mich an einem Montag im März auf der Toilette der Uni-Bibliothek. Eigentlich hatte ich mich schon nicht mehr getraut, mir eine Chance auszurechnen, nachdem ich zuvor bei Bewerbungen für zwei Volontariate und eine andere Journalistenschule nicht zum Gespräch eingeladen wurde. Doch hier war sie nun: Meine Chance auf einen Traumstart in meinen Traumberuf. Die Deutsche Journalistenschule ist die älteste ihrer Art in Deutschland und hat schon so einige journalistische Prominenz hervorgebracht. In Zeiten, in denen viele etablierte Medien um ihre Existenz bangen, ist der Abschluss dort zwar längst kein Freischein mehr für eine Festanstellung beim Wunscharbeitgeber. Aber es ist wohl immer noch eine der besten Ausgangspositionen für Jungjournalisten.

Um sich zu bewerben, muss man eine Reportage zu einem von vier vorgegebenen Themen schreiben. Ich entschied mich für das Thema Online-Dating, weil ich hier am meisten Potenzial für eine packende Geschichte vermutete. Gerade Dating-Apps waren stark im Kommen. Besonders interessant fand ich, ob über Tinder & Co. tatsächlich auch Beziehungen entstanden oder nur One Night Stands. Ich wählte den einfachsten Weg und fragte meine Facebook-Freunde nach Erfahrungen von ihnen oder ihren Bekannten. Es meldeten sich erstaunlich viele, die ein Tinder- oder Lovoo-Pärchen kannten oder selbst ihren Partner auf diese Art kennengelernt hatten. Warum hatte ich bis dahin noch nie davon gehört? Verheimlichten die Pärchen den Ursprung ihrer Beziehung, weil es ihnen unangenehm war? Und schon hatte ich ein vielversprechendes Reportage-Thema.

Neben dem Riecher für spannende Themen benötigt man als Reporter aber immer auch das Glück, an die richtigen Protagonisten zu kommen. Das hatte ich in diesem Fall: Zwei Pärchen erklärten sich bereit, sich mit mir zu treffen. Das eine ging ganz offen mit seinem Tinder-Hintergrund um, das andere erzählte nur guten Freunden die Wahrheit. Allen anderen, die sie fragten, wo sie sich kennengelernt hatten, erzählten sie eine erfundene Geschichte. Spannend! Mit ein paar Fakten zu Online-Dating angereichert konnte ich daraus eine solide Reportage schustern. Meine Freundin trieb mich dazu an, sie so oft zu überarbeiten, bis ich wirklich jedes einzelne Wort zweimal umgedreht hatte. (Ich veröffentliche den Text allerdings nicht, weil ich das den Protagonisten versprochen habe.) Zusammen mit einem ausformulierten Lebenslauf war das meine Eintrittskarte zum Auswahlverfahren: Von rund 600 jährlichen Bewerbern werden 150 eingeladen und auf Herz und Nieren geprüft. 45 davon dürfen schließlich an der DJS beginnen.

In der Hoffnung, eingeladen zu werden, hatte ich schon zehn Monate vor dem Termin angefangen, die Nachrichten noch intensiver als gewöhnlich zu verfolgen: Jeden Tag eine Tageszeitung und die Tagesschau. Unmittelbar vor dem Termin schaute ich mir außerdem alle verfügbaren Jahresrückblicke an. Dabei habe ich versucht, mir möglichst viele wichtige Namen und Zahlen zu merken, also alles, was leicht abfragbar ist. Darüber hinaus erwartete uns ein Bildertest, bei dem man Personen, Orte und Ereignisse aus der Berichterstattung erkennen muss; eine weitere Reportage, die man auf Basis eines zehnminütigen Fernsehbeitrags einen Artikel schreiben soll; und die Master-Anwärter ein Test an der Uni, bei dem man einen englischsprachigen wissenschaftlichen Aufsatz lesen und daraus innerhalb einer Stunde eine Idee für eine Masterarbeit entwickeln muss.

Die Nacht vorher verbrachte ich in einem Hostel in München. Mein einer Bettnachbar schmatzte im Schlaf, der andere redete vor sich hin, unten im Hof machten Leute Party. Ich war um zehn im Bett und lag bis zwei Uhr wach.

Doch die Aufregung am nächsten Morgen ist stärker als jeder Kaffee. Ich fahre mit der U-Bahn zum Hochhaus der Süddeutschen Zeitung, in dem sich auch die Journalistenschule befindet. Kurzer Smalltalk mit anderen Bewerbern, dann geht es los.

Beim Wissens- und Bildertest weiß ich mehr, als ich nicht weiß. Das ist gut – sofern die anderen nicht noch mehr richtig haben. (Wie der Test dann im Detail aussah, könnt ihr hier nachvollziehen. Mit der drittletzten Frage haben sie mich und die meisten anderen Bewerber drangekriegt: Von den 150 Teilnehmern erkannten nur eine Handvoll die Stolperfalle, erzählte mir eine DJS-Mitarbeiterin später – obwohl das wohl eine relativ bekannte Scherzfrage ist.)

Für die Reportage auf Basis des Fernsehbeitrags haben wir zwei Stunden Zeit, ich hatte mir beim Üben eine Stunde genommen und bin deshalb relativ entspannt. Der Text, den wir an der Uni bekommen, ist furchtbar. Eher so ein Lexikoneintrag, der ganz viel anreißt und nichts richtig erklärt. Ich bin kräftemäßig völlig am Ende, suche mir irgendeinen Punkt raus und kritzele die erstbeste Forschungsidee aufs Blatt, auch wenn sie mich eigentlich nicht überzeugt. Insgesamt bin ich soweit ganz zufrieden, aber der wichtigste Teil folgt erst am nächsten Tag: Das Gespräch mit einer Auswahlkommission aus sechs erfahrenen Journalistinnen und Journalisten sowie je einem Vertreter der Universität München und der Deutschen Journalistenschule.

Abends haben wir noch die Gelegenheit, uns mit aktuellen DJSlern auszutauschen und uns Tipps für das Gespräch zu holen. Was ich davon mitnehme, lässt sich sehr knapp zusammenfassen: „Sei selbstbewusst und verstell dich nicht.“ Die folgende Nacht muss ich zum Glück nicht wieder im Hostel verbringen, sondern kann bei meiner Freundin schlafen. Ich bin so erschöpft, dass nicht einmal die Aufregung mich wachhalten kann. Am nächsten Morgen schneide ich mich natürlich beim Rasieren. Zweimal. Aber wenn sie mich deshalb nicht nehmen, will ich da gar nicht hin, denke ich mir. Meine Freundin begleitet mich zur Schule und steht die bange Zeit des Wartens mit mir durch. Als ich aufgerufen werde, sagt sie: „Jetzt Brust raus und hol dir den Platz!“ Ich nehme mir vor, das zu beherzigen und meine selbstbewusste, extrovertierte Seite an den Tag zu legen.

Die Kommission interviewt jeweils drei Kandidaten gleichzeitig. Um sich an das Gesprächsformat gewöhnen zu können, darf jede Dreiergruppe bei dem Gespräch vor ihnen zusehen. Ich übe mich sofort im Nichtverstecken und während die Mitbewerber der Jury zur Begrüßung nur zunicken, grüße ich laut und deutlich. „Wir hoffen, die bisherigen Bewerber haben Sie nicht vor uns gewarnt?“, fragt einer uns, um das Eis zu brechen. „Ich habe gehört, die Stimmung ist gut“, antworte ich wahrheitsgemäß. Die Damen und Herren lachen und spätestens ab diesem Moment glaube ich an meine Chance.

Die drei Bewerber vor uns wollen alle Auslandskorrespondenten in Krisenregionen werden. Insgesamt treten sie solide auf, für meinen Geschmack aber etwas zu passiv. Als wir an der Reihe sind, versuche ich, schon durch die Körpersprache Präsenz zu zeigen: Brust raus, Oberkörper leicht vorgebeugt. Außerdem will ich das, was ich zu erzählen habe, auch aktiv einbringen und mir nicht alles aus der Nase ziehen lassen.

Die erste Frage an mich: „Wir haben hier eine ganze Reihe an Bewerbern, die wie Sie in der Türkei studiert haben. Warum interessieren sich junge Deutsche plötzlich für dieses Land?“ Eine Steilvorlage, um von all den Erfahrungen zu berichten, die ich im Auslandssemester gemacht habe (und über die ich hier gebloggt habe). „Es wundert mich“, antworte ich, „dass wir erst jetzt anfangen, uns für dieses Land zu interessieren, obwohl Menschen mit türkischen Wurzeln seit dem Zuzug der Gastarbeiter in den 60er Jahren zu Deutschland gehören. Aber bei vielen Deutschen endet das Interesse für die türkische Kultur leider beim Döner.“ Wieder Lacher. Ein perfekter Start. Bald sind wir bei Erdoğan und ich kann einen Erklärungsansatz bieten, warum weiterhin eine Mehrheit der Türken hinter ihm steht.

Später geht es, natürlich, um die Medienkrise: Wie kann man junge Menschen heute noch fürs Zeitunglesen begeistern? Puh. Darüber zerbricht sich eine ganze Branche seit Jahren den Kopf, und wir sollen hier jetzt spontan die Lösung haben? Wir antworten alle nacheinander, dass man die jungen Leser da abholen muss, wo sie sich aufhalten: in den sozialen Netzwerken. Nicht gerade ein innovativer Vorschlag, aber das können sie auch nicht wirklich erwarten, denke ich mir. Schließlich geht es noch um das Problematische an Facebook und Co.: die Filterblase von ähnlichen politischen Einstellungen, die uns dort umgibt. Wie gefährlich das ist, erkläre ich am Beispiel der Flüchtlingsdebatte, untermauert mit aktuellen Ereignissen.

Ich gehe mit dem gleichen Lächeln aus dem Gespräch, mit dem ich hineingegangen bin. Deshalb hat auch meine Freundin, die mich draußen erwartet, gleich ein gutes Gefühl. Trotzdem trauen wir uns nicht, uns echte Hoffnungen zu machen. Wer weiß, ob ich wirklich so gut angekommen bin? Oder nicht ein Drittel der anderen Bewerber sich noch besser präsentiert hat? Doch was wir insgeheim hofften, wurde zehn Tage später wahr: Ich erhielt eine E-Mail, dass ich einen der begehrten Plätze ergattert hatte. Vor zwei Wochen habe ich nun an der DJS meine Ausbildung zum Redakteur begonnen, kombiniert mit einem zweijährigen Masterstudium an der Uni München. Schon jetzt habe ich das Gefühl, dass sich der lange, beschwerliche Weg der Bewerbung gelohnt hat.

(Beitragsbild: Creative Commons von Eric Bailey)

Published inErfahrungsberichte

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