Zum Inhalt

Böse Plastiktüten, gute Flugzeuge: Die Doppelmoral meiner Generation

Meine Generation lebt im Widerspruch. Wir finden Umweltschutz wahnsinnig wichtig, aber nutzen mit großer Selbstverständlichkeit regelmäßig den Klimakiller Flugzeug. Wie passt das zusammen?

Meine Generation, das sind die derzeit 20- bis 30-Jährigen, mein Milieu, das sind die gebildeten Großstadtkinder, politisch interessiert und meistens Mitte links. Wir kaufen gerne Bio, essen selten bis gar kein Fleisch und viele von uns wählen die Grünen. Nichts empfinden wir als verwerflicher, als wenn jemand den Müll nicht trennt. Oder bei jedem Einkauf eine neue Plastiktüte nimmt. Wir investieren einiges für den Umweltschutz: geben mehr für Bio-Lebensmittel aus, verzichten auf billiges Fleisch aus dem Supermarkt und finden, dass man heutzutage kein eigenes Auto mehr braucht.

Wir trinken Leitungswasser statt Sprudel aus der Einwegflasche, würden am liebsten auch Mehrwegbecher für den Coffee-to-go verwenden und bezahlen gerne ein bisschen mehr für Öko-Strom. Für die Umwelt würden wir alles tun. Alles? Nicht ganz. Denn eines kommt für uns auf keinen Fall infrage: unsere Mobilität einzuschränken. Dabei richten wir damit mehr Schaden an, als wir jemals wiedergutmachen könnten. Eine neue Studie veranschaulicht das folgendermaßen: Ein Flug von Frankfurt nach San Francisco und zurück lässt fünf Quadratmeter Arktiseis schmelzen – pro Passagier. Allein mit dem Hinflug überschreiten wir unser klimaverträgliches Jahresbudget an CO2-Emissionen.

Lieber aufs tägliche Fleisch verzichten als aufs Fliegen

Mit unseren vielen kleinen Taten für die Umwelt erkaufen wir uns ein gutes Gewissen. Wir verdrängen damit, dass wir unsere persönliche Klimabilanz mit einem einzigen Flug wieder in einen Bereich katapultieren, der es – auf alle Menschen gerechnet – unmöglich macht, den Klimawandel unter Kontrolle zu halten. Das nennt man wohl eine Doppelmoral. Obwohl die meisten inzwischen wissen, wie schädlich fliegen ist und sich vielleicht sogar schon öfter vorgenommen haben, sich einzuschränken, sitzen wir doch immer wieder im Flieger. Warum fällt es uns leichter, aufs tägliche Fleisch als aufs Fliegen zu verzichten?

Meine Erklärung dafür ist, dass Mobilität einfach viel zu sehr unser Lebensgefühl prägt, als dass wir auf sie verzichten wollten. Wir wachsen in einer Welt auf, die keine Grenzen mehr zu kennen scheint. (Das gilt natürlich nur für die, die das Glück hatten, in eine einigermaßen wohlhabende deutsche Familie geboren worden zu sein.) Wie blöd wäre es, sich da selbst Grenzen zu setzen? Wir gehen nach dem Abi für ein paar Monate ins Ausland, im Studium noch mal, und dazwischen treten wir mit Freunden in den Wettbewerb, wer schon am entlegensten Winkel der Welt gewesen ist. Urlaub an der Ostsee? Wie spießig. Die meisten von uns waren noch nie länger in unseren Nachbarländern Polen und Tschechien – lieber fliegen wir nach Chile und Japan.

Nichts verschafft uns so viel Ansehen wie ein internationaler Lifestyle

Dabei schließen wir Freundschaften rund um den Globus und stürzen uns in Fernbeziehungen. Das führt dazu, dass wir jedes Jahr mehr Kilometer hinter uns legen – und dabei die Erde immer weiter aufheizen. Ob wir uns dabei vegetarisch oder bio ernähren und Müll vermeiden, fällt kaum ins Gewicht. Es gibt Menschen, die dreimal täglich Fleisch essen, regelmäßig Auto fahren und denen Müllvermeidung egal ist. Wir verachten sie dafür. Doch am Ende haben sie die deutlich bessere Klimabilanz, wenn sie den Urlaub in der Heimat verbringen und nicht in Vietnam. Denn das CO2-Äquivalent von einem Flug nach Hanoi entspricht einem Jahr Autofahren (12.000 km). Nur der Hinflug. Doch wer will schon zuhause bleiben, wenn die Freunde ständig Fotos von exotischen Ländern posten? Zumal nichts uns so viel Ansehen unter Gleichaltrigen verschafft wie ein internationaler Lifestyle.

Die neue Mobilität hat ohne Zweifel den Vorteil der Völkerverständigung. Aber erstens trägt der Wochenendtrip nach Barcelona und der zweiwöchige Thailandurlaub dazu nur wenig bei. Und zweitens haben die Bewohner der Gegenden, die durch den Klimawandel im Meer versinken, davon denkbar wenig.

Die Lösung: Vermeiden, verringern oder kompensieren

Was ist nun der Ausweg aus diesem Dilemma? Völlig aufs Fliegen verzichten werde ich genauso wenig wie die meisten. Aber es muss gelten: vermeiden, verringern oder kompensieren. Muss ich unbedingt das Wochenende in Venedig verbringen oder gibt es nicht eine schöne Alternative in meiner Region? Wenn ich unbedingt hin will, kann ich wirklich nicht die Bahn nehmen und so die Emissionen deutlich verringern?

Wer unbedingt fliegen will, sollte darüber nachdenken, den Flug zu kompensieren. Manche Idealisten halten das für modernen Ablasshandel, aber ich sehe das pragmatisch und finde es einen Schritt in die richtige Richtung. Bei längeren Flugreisen ist Kompensation zwar nicht gerade günstig: Für den besagten Flug nach San Francisco fallen hin und zurück 116 Euro an. Doch so wird einem wenigstens bewusst, wie groß der Schaden ist, den man durch die Reise anrichtet. Und wie teuer es ist, ihn ansatzweise zu beheben.

 

(Beitragsbild: Flugzeug-Start von Dirk Vorderstrasse, Creative Commons)

Published inKommentare zu Politik & Gesellschaft

Ein Kommentar

  1. […] Das vergangene Jahr war im weltweiten Durchschnitt das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen 1880. Mal wieder. Seit der Jahrtausendwende vermelden Metereologen laufend neue Rekorde. Gleichzeitig nimmt die Konzentration des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre weiter zu. Die Folgen des Klimawandels sind bekannt: hier Überflutungen, dort Dürre, Hurrikans sowieso. Die meisten Menschen wissen das (abgesehen vom baldigen US-Präsidenten). Doch wer ändert deshalb sein Verhalten? Wer lässt das Rindersteak aus Argentinien oder den Apfel aus Neuseeland liegen, mit Rücksicht auf das Klima? Fast niemand. Und die, die beim Essen verzichten sind oft die, die am häufigsten den Klimakiller Flugzeug nutzen … […]

Sag mir deine Meinung dazu!

%d Bloggern gefällt das: