Zum Inhalt

Meine Familie auf der Flucht. 70 Jahre her und doch aktuell wie nie

Gastbeitrag meines Onkels Gerhard Götz

Schulter an Schulter stehe ich im Frühsommer 1963 mit meinem Bruder vor unserem Geburtshaus. Ein Jahr war ich alt, als unsere Familie diesen Ort verlassen musste. Meinem Vater ist diese Reise in die Heimat aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich. Aber da wir nun unser erstes Auto besitzen, haben wir uns auf seinen Wunsch hin auf die Reise in die Vergangenheit unserer Familie begeben. Mit wenigen eigenen Erinnerungen, jedoch mit vielen Erzählungen unserer Eltern und Großmütter im Gepäck, stehen wir hier 850 Meter über dem Meeresspiegel im Erzgebirge, das bei unserer Geburt noch zu Deutschland gehörte. Jetzt ist es Teil von Tschechien. Ein kleiner Bach fließt ruhig plätschernd durch das von Wiesen und Wäldern umsäumte Dorf und nimmt meine Gedanken mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Lässt das Schicksal meiner Familie vor meinen Augen lebendig werden.

(Beitragsbild: Gerhards Bruder Günther mit seinen Eltern in Frühbuß)

Seit vielen Generationen ist der Ort Frühbuß die Heimat meiner Familie gewesen. Die Menschen dort führen ein karges, doch wohl zufriedenes und glückliches Leben. Fest verwurzelt in ihrem Heimatgefühl und in den Traditionen, die über lange Zeit gewachsen sind. Die Winter hier sind lang und schneereich, Landwirtschaft nur in geringem Umfang möglich. Im Sommer sammeln die Einwohner Heidelbeeren und im Herbst Pilze für den nächsten Winter. Die Männer marschieren stundenlang zur Arbeit ins Tal, am Abend den Berg hinauf zurück. Als ich hier am 2. September 1945 als zweiter Sohn meiner Eltern geboren wurde, hätte es auch meine Heimat werden sollen. Doch der Lauf der Weltgeschichte ließ das nicht zu.

194312unserhausinfruehbuss207
Mein Geburtshaus in Frühbuß.

Schon seit einigen Jahren war der Landstrich Spielball der politischen Mächte. Lange gehörte er zur Monarchie Österreich-Ungarn, nach dem Ersten Weltkrieg zur Tschechoslowakei, ab 1938 zum Deutschen Reich, nun nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder zur Tschechoslowakei. Krieg erzeugt Gewalt und Hass und auf Vergeltung folgt Vergeltung. Zum Ende des zweiten Weltkriegs lautete deshalb die Botschaft der neuen Machthaber für alle deutschen Bewohner dieser Gegend und damit auch für meine Familie: Wir wollen Euch hier nicht, wir schieben euch ab.

Anfang 1946 machen sie ihre Drohung wahr. Immer wieder werden, scheinbar wahllos, Familien aus verschiedenen Orten der Umgebung aufgerufen. Sie bekommen nur etwa 24 Stunden Zeit, um ihre Sachen zu packen und sich am Sammelpunkt in der Kreisstadt einzufinden. Maximal 50 Kilogramm darf jeder Erwachsene mitnehmen. Alles, was sie nicht mitnehmen, bleibt zurück. Hab und Gut, Haus und Tiere werden nunmehr nur noch in der Erinnerung existieren. Mein Vater versteckt Photographien und persönliche Dokumente hinter der Holzvertäfelung im Dachgeschoß. Er hofft, eines Tages zurückzukehren. Vielleicht liegen die Sachen heute noch dort.

liste
Eine Liste mit Familien, die abgeschoben werden sollen. Ganz unten stehen unsere Namen.

Wir verbringen zwei Nächte am Sammelpunkt in Baracken, in denen sich die Wanzen tummeln. Am 22. Oktober stehen unsere Namen auf einer Transportliste. Unser Zug wartet. Ein Güterzug.

Meine Großmutter, mein Vater, meine Mutter, mein vierjährige Bruder und ich, gerade ein Jahr alt, müssen mit 30 weiteren Menschen und ihrem Gepäck in den Waggon Nummer 25 steigen. Im Nachhinein scheint es mir, als wäre dabei bewusst versucht worden, Nachbarn und Freunde zu trennen, um möglichem Widerstand vorzubeugen. Wir sind nur fünf von 2,5 Millionen Sudetendeutschen, die das gleiche Schicksal erleiden und fortan auf sich allein gestellt sind.

Wohin man uns bringt, sagt uns niemand. Zweieinhalb Tage rattern die Stahlräder der Güterwaggons unter den Holzböden in Richtung Westen. Ich liege im Kinderwagen, während die Älteren auf ihrem Gepäck oder den groben Planken kauern. Mitunter wird gehalten, weil der Bahnbetrieb es erfordert. Oder um die Eimer für die Notdurft zu entleeren. Meine Großmutter sitzt fast die ganze Fahrt stumm in einer Ecke und lässt die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten.

Nach über 300 Kilometern dürfen wir die Güterwaggons im Aufnahmelager Sandbach im Odenwald verlassen. Mein Vater, der an einer Herzerkrankung leidet, muss sofort ins Krankenhaus in Darmstadt gebracht werden. Vier Tage verbringen wir ohne ihn in dem Lager, das in den Hallen der Pirelli-Werke eingerichtet worden ist. Wieder werden wir in Listen eingetragen, um in die Gemeinden des Landkreises verteilt zu werden.

Als unsere neue Heimat wird das Dorf Gräfenhausen fesgelegt. Man bringt uns in einem Lastwagen dorthin. Dabei passieren wir auch das von Bomben zerstörte Darmstadt. Eine Woche waren wir insgesamt unterwegs, ohne zu wissen, wohin diese schicksalhafte Reise geht. Nun betreten wir den Ort, von dem wir noch nicht ahnen, dass wir ihn einmal Heimat nennen werden.

Die Einheimischen in Gräfenhausen sind uns nicht wohlgesonnen. Auch wir Neuankömmlinge begegnen ihnen zunächst mit Mistrauen. Obwohl wir deutsch sprechen wie sie, ist die Verfärbung der Sprache durch den jeweiligen Dialekt so stark, dass die Verständigung schwierig ist. Wir sind Fremde unter Fremden. Die Menschen, mit denen wir zunächst in einem Saal leben, sind Fremde. Die Menschen vor der Tür sind Fremde. Fremde Umgebung, fremde Menschen. Keine Freunde, keine Heimat. Ungewissheit über die Zukunft. Gedanken wie diese dürften meine Eltern geplagt haben.

Vieles ist anders als zuvor. Unsere Heimat ist katholisch, Gräfenhausen evangelisch geprägt. Wo ist hier eine Kirche in der wir beten, in der wir Kraft tanken und Hoffnung schöpfen könten?

Untergebracht sind wir zunächst im Saal eines Gasthauses, in dem Feldbetten aufgestellt sind. Mit aufgehängten Wolldecken versuchen die Familien, ihre Bereiche abzutrennen und zumindest ein bisschen Privatsphäre zu ermöglichen. In der Mitte des Saales steht ein einzelner kleiner Ofen für uns alle. Er ist die einzige Möglichkeit, wie sich die Familien etwas Warmes zu essen zubereiten können.

Zwei Wochen verbringen wir in dieser Notunterkunft, bevor uns die Gemeindeverwaltung ein Zimmer in einem Haus in der Hauptstraße zuweist. Die Besitzer müssen das Zimmer für uns räumen. Zwölf Quadratmeter stehen unserer fünfköpfigen Familie hier zur Verfügung. Wir bekommen Feldbetten und einen Tisch. Wasser können wir uns aus der Küche der Hauseigentümer holen, die Toilette ist im Stall untergebracht. Aber das kennen wir auch nicht anders aus unserer Heimat, dem Erzgebirge.

Als es zum ersten Mal kälter wird, beginnen wir zu frieren. Eine Zentralheizung gibt es zu dieser Zeit im Haus genauso wenig wie ein Bad. Die Gemeinde stellt uns einen Berechtigungsschein aus: Wir dürfen bei einer Familie im Ort einen Ofen abholen, der dort in der Waschküche steht. Meine Mutter zieht mit einem geliehenen Handwagen los. Sie erhält den Ofen, bekommt aber den deutlichen Widerwillen der Besitzer zu spüren, die ihr Eigentum abgeben müssen.

Besonders in Darmstadt, aber auch im Umland hat der Krieg seine Spuren hinterlassen. Das Aufräumen hat begonnen, aber vom Wiederaufbau ist man noch weit entfernt. Es fehlt nicht nur an Nahrung, sondern auch an Arbeitsplätzen und Wohnungen.

Wir hatten im Erzgebirge ein gutes Zuhause und alles, was wir zum Leben brauchten. Doch nun müssen wir um das Nötigste betteln. Wenn wir etwas abbekommen, dann das, was die Menschen selbst nicht brauchen. Manchmal werden wir als „Zigeuner“ beschimpft. Das schmerzt sehr. Wir wollten doch diesen Krieg nicht, wir wollten unsere Heimat nicht verlassen und wir wollten nicht hierher. Aber wir wollen überleben, egal wo.

194309guentherinfruehbuss
Mein Bruder in Frühbuß vor der Vertreibung.

Unser Vater wird aus dem Krankenhaus entlassen, kann aber aufgrund seiner Erkrankung keine körperlichen Arbeiten annehmen. In Frühbuß war er in der Gemeindeverwaltung angestellt. Gerne würde er auch hier wieder bei einer Behörde arbeiten. Jeden zweiten Tag sucht er deshalb in seiner Verzweiflung die Gemeindeverwaltung auf und bietet seine Hilfe an. Jedes Mal wird er abgewiesen. Unermüdlich spricht er vor und nutzt dabei die Aufenthalte, um sich in den beheizten Räumen aufzuwärmen. Wenn andere Vertriebene auftauchen, versucht er diesen zu helfen und erleichtert damit die Arbeit der Gemeindemitarbeiter. Aufgrund dieser Eigeninitiative erhält er nach einiger Zeit eine Halbtagsstelle.

Wenn meinen Eltern Hilfe zu Teil wird, nehmen sie diese gerne und dankbar an, sind aber stets bemüht, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Um genügend zum Essen zu haben, ziehen meine Mutter und Großmutter in der Erntezeit über die abgeernteten Getreide- und Kartoffelfelder zum Nachlesen von Ähren und Kartoffeln. Dazu werden, wie aus der Heimat gewohnt, Pilze gesucht und getrocknet. Brombeeren und Heidelbeeren gepflückt und zu Gelee verarbeitet. Holz für den Ofen  mit dem Handwagen im Wald gesammelt. Herumliegende Äste und Kiefernzapfen aufgelesen. Auf das Fällen von Bäumen und Schneiden von Ästen droht dagegen Strafe.

So vergehen die Monate. Ein neues Jahr kommt und geht wieder. Mit der Zeit werden wir mehr und mehr geduldet und legen auch unsere eigene Voreingenommenheit gegenüber den Einheimischen ab. Einen großen Einfluss darauf haben mit Sicherheit wir Kinder. Kinder kennen keine Grenzen, unterscheiden nicht zwischen Herkunft, Glauben oder Sprache. Aus Fremden werden Freunde. Doch die Sehnsucht nach der Heimat und dem gewohnten Leben lässt sich nicht so einfach aus den Köpfen der Erwachsenen vertreiben.

Nachdem wir zwei Jahre zu fünft in dem Zwölf-Quadratmeter-Zimmer gewohnt haben, weist uns die Gemeinde endlich eine kleine Dachgeschoßwohnung in einem ihrer Häuser zu. So ziehen die ersten Jahre dahin. Mein Bruder besucht mittlerweile die Schule und wir arrangieren uns mehr und mehr mit der neuen Heimat.

Als die Gemeinde dieses Haus drei Jahre später wieder verkauft, will der Käufer, dass wir ausziehen. Aber es gibt keinen freien Wohnraum in Gräfenhausen. Meine Eltern haben sich schweren Herzens damit abgefunden, dass es kein Zurück in die Heimat geben wird. Unsere neue Heimat ist nun Gräfenhausen und so entscheiden sie sich, ein eigenes Haus zu bauen. Ein Wagnis, denn das bedeutet nicht nur Schulden: Weil wir uns keine Maschinen leisten können, müssen wir alle Arbeiten mit den eigenen Händen erledigen. Zum Glück können wir auf die Unterstützung von Freunden und Verwandten zählen.

195404unsereelternamhausingraefenhausen
Vater und Mutter vor ihrem Haus, das sie wortwörtlich mit eigenen Händen in ihrer neuen Heimat Gräfenhausen errichtet haben.

Etwa sechs Jahre sind vergangen, seitdem wir unser Haus in Frühbuß verlassen mussten. Nun, wir schreiben inzwischen das Jahr 1952, können wir endlich wieder in ein eigenes Haus ziehen. Zumindest in die 45 Quadratmeter im Erdgeschoss. Das Dachgeschoss ist zunächst nur ein Rohbau, in den eine Leiter führt. Als es drei Jahre später auch dort wohnlich ist, zieht mein Cousin mit seiner Familie dort ein. Ich selbst habe erst mit 17 Jahren mein eigenes Zimmer.

In diese Zeit fällt auch unser Ausflug zurück in die alte Heimat Erzgebirge. Mit meinem Bruder zusammen kehre ich zu unserem Geburtshaus in Frühbuß zurück. Für uns ist es die Heimat unserer Eltern und Großeltern, unserer Vorfahren. Ein Ort aus den Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern. Eine Heimat, die auch unsere werden sollte, aber nicht wurde. Unsere eigene Heimat ist nun Gräfenhausen.

Meinen ohnehin kranken Vater hat der Hausbau zu viel Kraft gekostet. Es ist ihm nicht mehr möglich, mit uns die alte Heimat zu besuchen. Doch wir können ihm und den anderen nach unserer Reise in die Vergangenheit unsere Photographien zeigen und viele Fragen beantworten. Zwei Jahre später stirbt unser Vater im Alter von nur 53 Jahren. Die Vertreibung und der kräftezehrende Aufbau eines neuen Lebens war für sein krankes Herz zu viel Belastung.

196506vatersbeerdigung
Die Beerdigung meines Vaters in Gräfenhausen.

Während ich unsere Geschichte niederschreibe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie schwierig die Situation für meine Eltern gewesen sein muss, die damals noch sehr jung waren. Ich bin dankbar, dass ich damals zu klein war, um das Geschehen wirklich begreifen zu können. Ein Geschehen, dass ich auch heute noch nicht recht fassen kann. Wie viel Kraft muss es gekostet haben, immer weiter zu gehen, nie aufzugeben, sich gegen alle Widerstände zu behaupten?

Auch dank meiner Eltern konnte ich hier in Gräfenhausen in Frieden aufwachsen. Ich habe geheiratet, habe vier Kinder und vier Enkelkinder. Ich bin sehr froh, dass uns ein ähnliches Schicksal erspart geblieben ist. Heimat bedeutet Sicherheit, Geborgenheit, Familie und Freunde. Seine Heimat verlässt man nicht, wenn man nicht dazu gezwungen wird. Integration in eine neue Heimat bedarf viel Verständnis und viel Geduld. Manchmal über Generationen hinweg.

 


 

Hier noch ein Brief, in dem sich ein unbekannter Flüchtling damals über die mangelnde Hilfsbereitschaft der Einheimischen beklagte. Es zeigen sich viele Parallelen zu den aktuellen Diskussionen um die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen.

bericht-1

Published inErfahrungsberichte

Ein Kommentar

  1. Johanna Götz Johanna Götz

    Velen Dank für diesen Beitrag!
    Auch mein Vater hat diesen Schicksal geteilt aber über seine damaligen Erlebnisse ist mir leider viel zu wenig wirklich bekannt! Er hat es mir nie mitgeteilt, jetzt bedauere ich es sehr!

Sag mir deine Meinung dazu!

%d Bloggern gefällt das: