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Die fünf Gesichter Münchens. Eindrücke eines Zuagroasten.

Seit zwei Monaten wohne ich nun in der bayerischen Metropole. Ich habe seitdem nicht nur eine Stadt kennengelernt, sondern viele verschiedene Gesichter Münchens, die nicht unbedingt ein einheitliches Bild ergeben. Deshalb will ich diese Stadt von mehreren Blickwinkeln beleuchten.

Das großspurige München

In der Landeshauptstadt ist alles eine Nummer größer. Nicht nur die Biergläser und die Brezen, sondern auch die Gebäude. Andernorts werden eine Handvoll Fachwerkhäuser als „Altstadt“ bezeichnet, hier warten an jeder Ecke der Innenstadt Prachtbauten, erbaut von König, Herzog, Kaiser, Bischof und so weiter. Auch nach Wochen fahre ich immer noch ungläubig durch diese Stadt, die ein einziges Freilichtmuseum zu sein scheint. Dazu kommen die riesigen Grünflächen wie der Olympia-Park oder der Englische Garten. Der ist übrigens größer als Monaco. Dieses Wissen um die eigene Größe und Bedeutung hat sich nicht nur was Fußball angeht auf das Münchner Selbstverständnis übertragen. An einigen U-Bahn-Stationen begleitet klassische Musik aus Lautsprechern den Kampf um die kürzesten Umsteigezeiten. Straßenmusiker und -künstler brauchen im Zentrum dagegen eine Genehmigung. Blechbläser, Dudelsack und Drehorgel sind dort generell verboten. Straßenkultur schön und gut – aber auf keinen Fall unter Münchens Niveau!

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Ob diese Wiener Straßenmusiker auch in München spielen dürften? (CreativeCommons-Bild von Robb)

Das grüne München

Man denkt es nicht, aber ausgerechnet die Hauptstadt des CSU-Landes ist traditionell SPD-regiert und hat offensichtlich eine grüne Seele. Fast überall gibt es Fahrradwege und sogar zwei „Radlringe“, auf denen man die Innenstadt umfahren kann. Und im Unterschied zu meinen Erfahrungen in anderen Städten steigen auch in den kälteren Monaten nicht deutlich weniger Menschen aufs Rad. Der Umweltschutz-Verein „Green City“ bringt es auf mehr als 1.000 Mitglieder. Alle sechs Monate findet das alternative Tollwood-Festival mit mehreren Hunderttausend Besuchern statt. Es gibt Bio-Supermärkte ohne Ende. Und sogar eine Lokale Bio-Bäckerei-Kette, in der man jeden Moment damit rechnet, dass Anton Hofreiter zur Tür hereinkommt. Nicht zuletzt bei der Ankunft der Flüchtlinge im vergangenen Jahr zeigte sich am Münchner Hauptbahnhof die Weltoffenheit und das Engagement vieler Münchner.

Das reiche München

Zu unserer Wohnung in Schwabing gehört ein Garagenstellplatz. Weil wir kein Auto haben, parkte ich dort nach dem Einzug mein Fahrrad. Es befindet sich nun in guter Nachbarschaft. Obendrüber steht ein Porsche. Und links daneben noch einer. An dem Geldautomaten der nächsten Bank ist der Minimalbetrag, den man abheben kann, 50 Euro. Statt Frisör- und Dönerläden wie in Mannheim gibt es hier reihenweise unbezahlbarer Boutiquen. Und dann natürlich die mit Abstand höchsten Mieten Deutschlands. Eine Nachbarin erzählte uns, dass die Wohnungen in unserem Haus teilweise an reiche Ausländer zwischenvermietet würden. Für 2000 Euro im Monat. Bei 43 Quadratmetern. Sperrmüll abholen lassen kannte ich bisher als kostenlose Dienstleistung, hier kostet es 40 Euro, mit Wunschtermin sogar 90 Euro. Kein Wunder, dass man hier noch bis zu einem monatlichen Budget von 1350 Euro als arm gilt.

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Wo im Herbst das Oktoberfest die Massen lockt, zieht das Tollwood im Winter alternative Menschen an (CreativeCommons-Bild von Usien).

Das dörfliche München

Im Zentrum sucht man vergebens nach Wolkenkratzern. Diese sollen die Wirkung der historischen Bauten nicht beeinträchtigen. Abseits der Touristenmagnete wird es schnell ruhig und gemütlich, so dass man gar nicht mehr das Gefühl hat, in einer Millionen-Metropole zu leben. Die Kriminalitätsrate ist hier so niedrig in keiner anderen Großstadt in der Republik. Da man sich im Agrarland Bayern befindet, gibt es selbst in den Supermärkten herrlich viel regionale Lebensmittel. Und in eineinhalb Stunden ist man in den Alpen. Das alles führt dazu, dass man mancherorts das Gefühl hat, nicht in einer pulsierenden Metropole, sondern in einem gemütlichen Dorf zu wohnen.

Das gestresste München

Verkehrstechnisch betrachtet gibt es wiederum drei verschiedene München: Das der Porsche-Fahrer, das der U-Bahn-Fahrer und das der Fahrradfahrer. So unterschiedlich diese drei Personengruppen auch sind, haben sie doch eines gemeinsam: Verkehr ist Krieg. Die Porsche-Fahrer hupen, weil sie schon wieder im Stau stehen und so schon wieder nicht die 400 Pferdestärken unter ihrem Hintern auf die Straße bringen können, für die sie so hart gearbeitet – oder geerbt – haben. Die U-Bahn-Fahrer schubsen, weil sie unbedingt ihren Anschluss erreichen und nicht schon wieder vier Minuten auf die nächste Bahn warten wollen. Deshalb steigen die ganz Ausgefuchsten alle gleich in den vorderen Zugteil ein, ganz egal wie voll dieser bereits ist. Oder stecken den Fuß in die schließende Tür, woraufhin diese sich den Schließmuskeln zerrt und sich die Abfahrt für alle Fahrgäste verzögert. Die Fahrradfahrer klingeln derweil, weil sich da doch tatsächlich jemand erdreistet, auf der falschen Seite des Radweges zu fahren, obwohl dieser doch nur zwei Meter breit ist. (Ich habe tatsächlich schon beobachtet, wie die Polizei jemandem dafür ein Knöllchen aufgebrummt hat.) Oder die Radler schimpfen, weil jemand kurz anhält, um sich zu orientieren. Wie gesagt: Verkehr ist in München Krieg.

 

Dass ich hier mehr Negatives als Positives aufgezählt habe, bedeutet nicht, dass ich mich hier nicht wohlfühle. Ganz im Gegenteil: Ich finde, es lebt sich sehr gut hier. Dass München die schönste Stadt der Welt mit einer ausgezeichneten Lebensqualität ist, wurde oft genug besungen. Das sollte die Münchner (also nun auch mich Zuagroasten, der seine eigene Bezeichnung noch kaum aussprechen kann) aber nicht dazu verleiten, manchmal auch selbstkritisch mit sich und der eigenen Stadt zu sein.

(CreativeCommons-Beitragsbild von sailing089)

Published inErfahrungsberichte

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