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Wie unsere misstrauische Gesellschaft sich selbst zersetzt

Nennen Sie bitte eine Institution, der Sie vertrauen.

Na, fällt Ihnen keine ein?

Nennen Sie mir nun bitte einen Berufsstand, dem Sie vertrauen.

Auch schwierig?

Wem vertrauen Sie denn überhaupt noch?

Während bei der ersten Frage wohl früher Institutionen wie die Kirche, die Regierung, NGOs, eine Zeitung sowie auf die zweite Berufe wie Polizist, Priester, Arzt oder vielleicht sogar „der Handwerker von nebenan“ genannt worden wären, fällt heute den meisten eine Antwort schwer. Denn wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft des Misstrauens. Einem Obdachlosen einen Euro geben? Lieber nicht, wahrscheinlich kauft er sich sonst Alkohol davon. Einem Journalisten auf der Straße eine Antwort geben und meinen Namen nennen? Lieber nicht, wer weiß, was der mir in den Mund legt.

Es herrscht ein Generalverdacht gegen alles und jeden. Banker sind geldgierige Finanzhaie, Polizisten sind obrigkeitshörige Schwachköpfe, die bei jeder Gelegenheit auf Unschuldige einschlagen oder sogar schießen. Und über das Image von Handwerkern müssen wir gar nicht erst reden. Woher rührt all dieses pauschale Misstrauen?

Der Mensch – vor allem der deutsche, scheint mir – ist wohl ein aufs Negative fokussiertes Wesen. Vielleicht ist es ein evolutionäres Überbleibsel, dass wir potenziellen Gefahren besonders viel Aufmerksamkeit schenken. Wahrscheinlich tragen auch die Medien ihren Teil dazu bei, indem sie vor allem über Dinge berichten, die schief laufen,und nicht über solche, bei denen alles glatt läuft. Und auch im privaten Gespräch teilen wir unserem Gegenüber natürlich nur mit, wie sehr ein Handwerker zu spät kam und was er alles verbockt hat, während ein reibungsloser Termin unerwähnt bleibt. In diesem Fall hat er ja nur seinen Job gemacht.

Im Ergebnis führt das zu einer verzerrten Wahrnehmung und dem Entstehen von ungerechtfertigten Stereotypen. Wenn eine Zeitung stets die Wahrheit schreibt, sich aber einmal einen Recherchefehler leistet, werden sich viele an diesen einen Fehler erinnern und nicht an die vielen Tage, an denen man korrekt informiert wurde. Wenn eine NGO jahrelang gute Arbeit leistet, aber eines Tages ein Mitarbeiter Spenden veruntreut, werden wir ihr womöglich nie wieder unser Vertrauen schenken, weil wir immer wieder an diesen einen Mitarbeiter denken. Sich Vertrauen zu erarbeiten, ist schwer. Es zu verlieren, bedarf in unserer Gesellschaft nur eines einzigen Fehltritts.

Diese Entwicklung ist nicht nur problematisch, weil ganze Berufsgruppen pauschal verurteilt werden, so dass am Ende niemand mehr Polizist oder Journalist oder Arzt werden will, obwohl unsere Gesellschaft diese Berufe dringend braucht. Sie ist auch problematisch, weil unsere Demokratie und Marktwirtschaft nur funktionieren, wenn wir unseren Mitmenschen ein gewisses Grundvertrauen entgegenbringen. Wenn wir als Bürger allen Politikern unterstellen, dass sie nur nach Macht und Geld streben, ist unsere Demokratie am Ende. Wenn wir als Konsumenten immer davon ausgehen, dass uns die Hersteller von Produkten oder Anbieter von Diesntleistungen nur übers Ohr hauen wollen, müssten wir uns in letzter Konsequenz komplett selbst versorgen. Wer will das schon?

Deshalb müssen wir einander dringend wieder mehr Vertrauen schenken. Das bedeutet nicht, dass Vorsicht nicht manchmal angebracht ist oder dass wir nicht mehr kritisch denken sollen. Aber das kritische Denken darf nicht dazu führen, dass wir nur noch das Negative in der Welt und in unseren Mitmenschen sehen. Ganz im Gegenteil: Kritisches Denken muss bedeuten, dass wir auch negative vermeintliche Gewissheiten immer wieder hinterfragen. Denn in sehr vielen Fällen stellen sie sich als Klischees heraus, die unserer Gesellschaft ernsthaften Schaden zufügen.

(Beitragsbild: CreativeCommons von geralt)

Published inKommentare zu Politik & Gesellschaft

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