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Wie eine Steuer die Welt vor der Überhitzung retten könnte

Vergangene Woche machte das Umweltbundesamt Schlagzeilen. Seine Chefin forderte höhere Steuer auf Fleisch- und Milchprodukte, weil diese in der Produktion besonders viel CO2 verursachen. Die Hoffnung dahinter: Wenn diese Lebensmittel teurer werden, werden sie weniger nachgefragt, in der Folge weniger produziert und der CO2-Ausstoß geht zurück. Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten: Die Behörden wollen uns vorschreiben, was auf den Tisch kommt! Arme Haushalte werden sich kein Fleisch und keine Milchprodukte mehr leisten können, dabei sind die doch wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung! Sofort wurde auch dem Ernährungsminister und der Umweltministerin klar, dass diese Idee Wähler vergraulen würden und sie gaben bekannt, dass sie von diesem Vorschlag nichts halten. Ich finde dagegen, die Idee ist genau die richtige und geht sogar nicht weit genug.

Das vergangene Jahr war im weltweiten Durchschnitt das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen 1880. Mal wieder. Seit der Jahrtausendwende vermelden Metereologen laufend neue Rekorde. Gleichzeitig nimmt die Konzentration des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre weiter zu. Die Folgen des Klimawandels sind bekannt: hier Überflutungen, dort Dürre, Hurrikans sowieso. Die meisten Menschen wissen das (abgesehen vom baldigen US-Präsidenten). Doch wer ändert deshalb sein Verhalten? Wer lässt das Rindersteak aus Argentinien oder den Apfel aus Neuseeland liegen, mit Rücksicht auf das Klima? Fast niemand. Und die, die beim Essen verzichten sind oft die, die am häufigsten den Klimakiller Flugzeug nutzen und so ihre Bilanz wieder versauen.

Warum handeln wir entgegen unserer Ideale? Für dieses Phänomen gibt es eine Erklärung mit dem Namen Slow Violence. Die wenigsten würden ein Billig-T-Shirt kaufen, wenn sie dabei das Leid der Kinderarbeiter vor Augen hätten, die es produzieren. Die wenigsten würden Fleisch kaufen, wenn sie vorher durch einen Schlachhof gehen müssten. Und viele würden wohl auch kaum noch in den Flieger steigen, wenn sie an Board einen Film über die versinkenden Malediven sehen würden. Weil dieses Grauen beim Kauf und Konsum aber ganz weit weg ist, können wir es sehr gut ausblenden, selbst wenn wir davon wissen. Die Gewalt die wir Tieren, unserem Planeten und unseren Mitmenschen antun, ist für uns nicht greifbar.

Was hingegen für uns greifbar ist, ist der Preis. Er ist das Hauptkriterium für unsere Kaufentscheidungen. Wir Deutschen sind dabei besonders geizig: Im Verhältnis zu unserem Einkommen geben wir, die stärkste Wirtschaft Europas, am wenigsten für Essen aus (abgesehen von den Briten, aber das wundert wohl keinen). Deshalb bin ich sicher: Wenn man uns dazu bringen will, unsere persönliche CO2-Bilanz zu verbessern, funktioniert das nur über den Preis. Eine CO2-Steuer auf besonders klimaschädliche Produkte und Dienstleistungen wäre die Rettung im Kampf gegen den Klimawandel. Das Umweltbundesamt sollte den CO2-Fußabdruck von energieintensiven Produkten und Dienstleistungen errechnen, außerdem die Kosten, diesen zu kompensieren. Dieser Betrag wird dann auf den Preis aufgeschlagen und vom Staat von den Unternehmen erhoben. Der Gewinn wird für Klima- und Umweltschutzprojekte verwendet.

Der Effekt: Alles, was besonders umweltschädlich ist, würde teurer: tierische Produkte, in Übersee hergestellte Waren, Fliegen. Es würde weniger gekauft und wenn, dann kompensiert. Der Konsument würde gleich beim Kauf für den Schaden aufkommen, den er dem Planeten und so auch seinen Mitmenschen zufügt. In der Volkswirtschaftslehre spricht man davon, „Externalitätten zu internalisieren“, also den Schaden, der anderen durch eine Handlung (in diesem Fall einen Kauf) entsteht, als Preisaufschlag an den Verursacher weiterzugeben. Der Staat verbietet dabei nichts, er setzt nur den Preis durch, den das Produkt tatsächlich für die Weltgemeinschaft hat.

An alle, die Sorge haben, dass wir in Zukunft alle mangelernährt sind, weil wir zu wenig Fleisch- und Milchprodukte essen: Derzeit essen wir viel zu viel davon! Das ist auch nicht gesund. Die Steuer würde helfen, uns gesünder zu ernähren. Und viele tierische Produkte sind derzeit so absurd billig, dass ein kleiner Aufschlag keinen davon abhalten dürfte, sie gar nicht mehr zu kaufen. Nur eben seltener.

An alle, die befürchten, dass man sich dann von Hartz IV gar nichts mehr leisten kann: Das ist kein Argument gegen die Steuer, sondern für mehr Arbeitslosengeld – das auch durch die Einnahmen aus dieser Steuer querfinanziert werden könnte. Dass sich Reiche mehr leisten können als Arme, war schon immer so und wird leider auch immer so bleiben, damit hat die CO2-Steuer nichts zu tun.

An alle, die um das Wirtschaftswachstum fürchten: Die Unternehmen würden (endlich) versuchen, den CO2-Abdruck ihrer Produkte zu verringern und durch neue Technologien zum qualitativen Wirtschaftswachstum beitragen. Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass durch eine gut gemachten CO2-Steuer nicht unbedingt Wettbewerbsnachteile entstehen.

An alle, die jetzt „Ökodiktatur!“ rufen: Sollen wir lieber das Ökosystem zusammenbrechen lassen? Aber keine Sorge: Ein solcher Vorschlag würde nie umgesetzt, weil er viel zu viele Wählerstimmen kosten würde. Zitat des Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung: „Wenn ich mit Politikern über eine CO2-Steuer spreche, dann verstehen sie das. Doch sie sagen auch, dass dies politischer Selbstmord wäre, und machen es dann natürlich nicht.“ Schade, diese Idee hätte so viel Potenzial.

(Beitragsbild: Creative Commons von succo)

Published inKommentare zu Politik & Gesellschaft

2 Comments

  1. Tom Tom

    Hey Sören,
    wiedermal ein super Artikel. Ich möchte aber noch zwei Dinge hinzufügen:
    1. Du meintest, dass Unternehmen mit einer CO2-Steuer endlich anfangen würden, ihre Produkte CO2-verringert herzustellen. Das ist doch der gleiche Gedankenansatz wie für die CO2-Zertifikate, welche bereits im Umlauf sind. Der einzige finanzielle Unterschied ist derjenige, dass nicht der Staat davon profitiert, sondern diejenigen Unternehmen, welche bereits klimafreundlicher produzieren.

    2. Ich unterstütze die Idee mit der CO2-Steuer zur Reduzierung unseres Fleischkonsums. Doch was hälst du von dem Szenario, dass damit wieder mehr Leute anfangen könnten, nicht-bio Fleisch zu essen? Oder würden die Bio-Fleisch-Vertreter gerne auch den steuerlich erhöhten Preis zahlen?

    LG Tom

    • Sören Götz Sören Götz

      Hey Tom,
      freut mich, dass dir der Artikel gefällt!

      1. Dass Unternehmen hoffentlich umweltfreundlicher produzieren würden, ist nur ein netter Nebeneffekt der Steuer. Primär setzt sie im Unterschied zum Emissionshandel (der ja eher schlecht als recht funktioniert) aber beim Verbraucher an: Dadurch, dass klimaschädliche Produkte teurer würden, würden sie weniger gekauft. Und ich habe ja vorgeschlagen, die Steuer teilweise in Umwelt- und Klimaschutzprojekte zu stecken, um auch auf diese Weise zu einer klimafreundlicheren Welt beizutragen.

      2. Bio-Fleisch verursacht in der Produktion 15 bis 20 Prozent weniger CO2-Äquivalent als konventionell produziertes Fleisch (https://www.greenpeace.de/themen/klimawandel/klimaschutz/bio-gut-fuers-klima). Von daher würde der Preisunterschied zwischen bio und konventionell abnehmen.

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