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Das System von innen ändern: NGOs als Aktionäre

Manche Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen kaufen Aktien von Konzernen, die sie eigentlich kritisieren. Die NGOs machen das, um bei Hauptversammlungen sprechen zu dürfen. Was soll das bringen? Ein Tag mit einer Aktivistin.

Claudia Fatzkämper ist keine gewöhnliche Aktionärin. Auch äußerlich sticht sie bei der Hauptversammlung der Münchener Rückversicherungs-AG heraus. Im Saal sitzen lauter grauhaarigen Herren im Anzug, Fatzkämper fallen lange blonde Haare über die Schultern und sie trägt ein blaues Jäckchen über ihrer beigen Bluse. Fatzkämper ist für die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald zur Hauptversammlung gekommen. Sie will die Münchener Rück zu einem sozialeren und umweltfreundlicheren Unternehmen machen.

„Man braucht viel Geduld“, sagt Claudia Fatzkämper, als sie um neun Uhr und damit eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ansteht, um ihren Redebeitrag anzumelden. Anstatt Demos oder Protestaktionen zu organisieren, versucht sie, das System von innen zu verändern. Sie will die Regeln der Aktiengesellschaft für die Interessen ihrer Organisation nutzen.

Die Stimmen der kleinen Anleger fallen bei Abstimmungen kaum ins Gewicht

Wer auch nur eine Aktie besitzt, hat auf der Hauptversammlung das Recht, sich an der sogenannten Generaldebatte zu beteiligen. Das bedeutet, man darf innerhalb der Tagesordnung zu allen Anwesenden sprechen, Fragen an den Vorstand stellen und an Abstimmungen teilnehmen. Da Großaktionäre jedoch zusammen rund 70 Prozent der 161 Millionen Münchener-Rück-Aktien besitzen und jede Aktie eine Stimme bedeutet, fällt die Wahlentscheidung kleiner Anleger kaum ins Gewicht. Claudia Fatzkämper verfügt heute nur über 15 Stimmen, die ihr Unterstützer ihres Vereins überschrieben haben.

Viel wichtiger als das Stimmrecht ist für NGOs (non-governmental organizations) deshalb das Frage- und Rederecht. „So können wir wichtige Themen an den Vorstand heranbringen“, sagt Fatzkämper. „Und auch die Presse bekommt es mit.“ Würden Vereine wie Urgewald die Umwelt- und Sozialpolitik des Unternehmens nicht bei Hauptversammlungen kritisieren, täte es niemand, fürchtet sie.

Mit ihrer Rede und ihren Fragen will sie nicht nur dem Vorstand ins Gewissen reden, sondern auch den anderen Aktionären. „Eine Aktie ist nicht nur eine Wertanlage, sie bedeutet auch Verantwortung“, sagt Fatzkämper. Sie hofft, dass wegen ihres Auftretens mehr Aktionäre vom Vorstand Umweltbewusstsein und soziale Standards einfordern. Manchmal komme es sogar vor, dass Teilnehmer ihr spontan ihre Stimmrechte übertragen.

Auch am Buffet kann man Fatzkämpers Rede nicht entkommen

Als Claudia Fatzkämper schließlich am Rednerpult steht, blickt sie in einen riesigen Saal, dessen Polsterstuhlreihen nicht einmal mehr zu einem Drittel gefüllt sind. Die meisten Aktionäre sind nach der einleitenden Rede des Vorstandsvorsitzenden und der Verkündung ihrer diesjährigen Gewinnausschüttung zielstrebig zum Buffet gegangen. Als eine Rechtsanwältin vom Juristinnenbund die Förderung von Frauen in Führungspositionen anmahnte, haben noch einmal einige den Saal verlassen. Viele Aktionäre sind nach dem Mittagessen entweder gleich zu Kaffee und Kuchen übergegangen oder haben sich auf den Weg nach Hause gemacht. Die Reden sind jedoch im ganzen Haus über Lautsprecher zu hören, so dass sie auch am Buffet Claudia Fatzkämpers Rede nicht entkommen können.

Fatzkämper spricht mit tiefer, leicht heiser klingender Stimme. Dass sie nicht gern vor vielen Menschen Reden hält, merkt man ihr nicht an. „Es ist nicht glaubwürdig, wenn man Klimaschutz predigt, aber aus dem eigenen Portfolio die Klimasünder nicht rauswirft oder ihre Expansionspläne gar versichert.“ Sie fordert den Vorstand auf, nicht mehr in Kohleunternehmen zu investieren und keine Kohleminen und -kraftwerke mehr zu versichern. Konkurrenten auf dem Versicherungsmarkt seien da weiter.

Der Vorstand antwortet ausführlich auf Fatzkämpers Fragen

Am Schluss ihrer Rede stellt sie detaillierte Fragen, zum Beispiel: Wie viele Kohlekraftwerke oder -minen hat die Münchener Rück im letzten Jahr in welchen Ländern versichert? Später erklärt sie: „Mit solchen Fragen erhalten wir neue Informationen. Besonders wichtig ist für uns, ob es Projekte in Entwicklungsländern gibt, weil diese oft mit Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen einhergehen.“ Urgewald dokumentiert die Antworten, um sich in Zukunft darauf beziehen zu können, etwa bei der nächsten Hauptversammlung.

Einige Minuten später folgt die Antwort von Nikolaus von Bomhard, dem scheidenden Vorstandsvorsitzenden der Münchener Rück. „Wir weisen schon seit den 70er Jahren auf den drohenden Klimawandel hin und sind als Unternehmen seit 2015 CO2-neutral“, sagt er. Das sei gerade den jungen Mitarbeitern sehr wichtig. Trotzdem gebe es bis heute Länder, die von fossiler Energiegewinnung abhängig seien, um ihre Wirtschaft zu entwickeln: „Indien kommt ohne Kohle nicht aus der Armut“, sagt von Bomhard. „Außerdem investieren wir gezielt in regenerative Energien.“ Auf die detaillierten Fragen antwortet er ausführlich.

Claudia Fatzkämper findet die Antworten „nichtssagend“: „Der Vorstand zieht sich aus der Verantwortung: Es ist kein Handeln absehbar.“ Vor einigen Jahren habe man noch verbindlichere Antworten erhalten.

Die NGOs stimmen gegen die Entlastung des Vorstandes

Als schließlich abgestimmt wird, hat Claudia Fatzkämper schon ihre Jacke an. Sie will zum Zug. Zusammen mit Vertretern der Vereine Pro Regenwald, des Verbandes Kritischer Aktionäre und einer brasilianischen NGO macht sie an einem Stehtisch vor dem Saal hastig ihre Kreuzchen. „Wenn uns bekannt ist, dass der Vorstand gegen Menschenrechte verstoßen oder die Umwelt geschädigt hat, stimmen wir gegen seine Entlastung“, sagt Fatzkämper. Das ist auch heute der Fall. „Wenn wir glauben, dass ein Kandidat für den Vorstand sich für unsere Themen einsetzen wird, stimmen wir für ihn.“

Trotz der Reden von Fatzkämper und den anderen NGOs stimmen an diesem Tag nur 0,1 Prozent der Aktienbesitzer gegen die Entlastung des Vorstands. Als das Ergebnis verkündet wird, ist Claudia Fatzkämper schon wieder unterwegs. Am nächsten Tag steht die Hauptversammlung des Energie-Riesen RWE an.

 

(Beitragsbild: Hauptversammlung eines DAX-Unternehmens (Merck KGaA) von Armin Kübelbeck, CC BY-SA 3.0)

Published inReportagen

Ein Kommentar

  1. Tobi Tobi

    Schöner, präziser Artikel und ein spannendes Konzept!

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