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Kategorie: Erfahrungsberichte

Meine Familie auf der Flucht. 70 Jahre her und doch aktuell wie nie

Gastbeitrag meines Onkels Gerhard Götz

Schulter an Schulter stehe ich im Frühsommer 1963 mit meinem Bruder vor unserem Geburtshaus. Ein Jahr war ich alt, als unsere Familie diesen Ort verlassen musste. Meinem Vater ist diese Reise in die Heimat aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich. Aber da wir nun unser erstes Auto besitzen, haben wir uns auf seinen Wunsch hin auf die Reise in die Vergangenheit unserer Familie begeben. Mit wenigen eigenen Erinnerungen, jedoch mit vielen Erzählungen unserer Eltern und Großmütter im Gepäck, stehen wir hier 850 Meter über dem Meeresspiegel im Erzgebirge, das bei unserer Geburt noch zu Deutschland gehörte. Jetzt ist es Teil von Tschechien. Ein kleiner Bach fließt ruhig plätschernd durch das von Wiesen und Wäldern umsäumte Dorf und nimmt meine Gedanken mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Lässt das Schicksal meiner Familie vor meinen Augen lebendig werden.

Mein Weg an die Deutsche Journalistenschule

Die Einladung zum Auswahlverfahren der Deutschen Journalistenschule erreichte mich an einem Montag im März auf der Toilette der Uni-Bibliothek. Eigentlich hatte ich mich schon nicht mehr getraut, mir eine Chance auszurechnen, nachdem ich zuvor bei Bewerbungen für zwei Volontariate und eine andere Journalistenschule nicht zum Gespräch eingeladen wurde. Doch hier war sie nun: Meine Chance auf einen Traumstart in meinen Traumberuf. Die Deutsche Journalistenschule ist die älteste ihrer Art in Deutschland und hat schon so einige journalistische Prominenz hervorgebracht. In Zeiten, in denen viele etablierte Medien um ihre Existenz bangen, ist der Abschluss dort zwar längst kein Freischein mehr für eine Festanstellung beim Wunscharbeitgeber. Aber es ist wohl immer noch eine der besten Ausgangspositionen für Jungjournalisten.

Raus aus der Blase, rein in die Kneipe

Manche Kneipen sehen von außen einfach abstoßend aus. An einem Samstagabend habe ich ihnen trotzdem eine Chance gegeben.

Als ich mit Johannes vor dem „Café-Bistro K 6“* stehe, überkommt mich ein großes Unbehagen. Die Fenster sind mit Folie verklebt, dort sind Würfel und Pokerchips abgebildet. Auf der Karte neben der Tür werden „Marakuja saft“ und „Tequlia“ angeboten. Absteigen wie diese lassen Studenten normalerweise links liegen.

Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz: Der Migrant trinkt seinen Tee, der Arbeiter sein Bier und der Student seine Club Mate immer nur unter seinesgleichen. Wäre es nicht viel spannender, zusammen an einer Bar zu sitzen? Mein Kommilitone Johannes sieht das genauso, und so nahmen wir uns vor, das Gesetz zu brechen. An diesem Samstagabend werden wir nur in Kneipen gehen, in denen Studenten absolut nichts verloren haben.

Was man im Studium wirklich lernt

Gegen Ende der Schulzeit hatte ich eine sehr romantische Vorstellung vom Studium: Endlich auf die Fächer konzentrieren, die mich wirklich interessieren! Endlich wirklich Anspruchsvolles lernen und ein wahrer Bildungsbürger werden! Endlich erwachsen und selbstständig werden! Endlich ganz viel Zeit und Möglichkeiten für Hobbys haben! Nun, da ich nach fünf Jahren mein erstes Staatsexamen hinter mir habe, muss ich über meine damalige Perspektive ein wenig schmunzeln. Wie so oft kam alles anders als gedacht. Ich habe vieles nicht gelernt, was ich lernen wollte. Aber ich habe auch einiges gelernt, dessen Wichtigkeit mir vorher noch gar nicht so bewusst war. Fünf Jahre Studium in sieben Stichwörtern: